6. Jahrgang Nr. 2 / 24. Februar 2006 - 26. Schwat 5766

Jugendinitiative ist der NS-Geschichte auf Spur

Bundespräsident Horst Köhler würdigt Jugendliche aus Polen und Deutschland für ihr Projekt „Weiße Flecken“

Von Johannes Boie

„Man muss in den Rückspiegel schauen, um die Spur zu wechseln.“ Diese erkenntnisreiche Metapher steht am Anfang des Projektes „Weiße Flecken“, einer Initiative der Hamburger Stiftung „Step21“. Ein Jahr lang haben sich die 80 Schüler und Schülerinnen aus Polen und Deutschland in 15 Schülerredaktionen zusammengefunden, um gemeinsam eine Zeitung herauszugeben. Die Schüler waren auf der Jagd nach „weißen Flecken“, die die journalistische Berichterstattung nach und während der NS-Zeit hinterlassen hat. Ausgangspunkt für die jungen Redakteure war dabei stets ihr eigenes, unmittelbares Umfeld. Sie recherchierten ourier new" >in ihren Heimatstädten zu Themen wie "Arisierung", Zwangsarbeit oder Euthanasie, interviewten Zeitzeugen, um daraus Artikel für ihre Zeitung zu schreiben. So wurden im örtlichen Altersheim Zeitzeugen befragt und in Stadtarchiven nach Unterlagen geforscht. Bei ihrer Recherche sind die Jugendlichen auf erstaunlich große historische Lücken gestoßen, die sie mit viel Sorgfalt gefüllt haben – eine nachträgliche Korrektur der gleichgeschalteten NS-Presse und gleichzeitig auch ein Statement gegen Geschichtsrevisionismus sowie Unwissenheit.

Gemeinsam mit ihrem Team will Ann-Christin Heinig aus Dresden gegen „die reine Opferrolle Dresdens“ wirken. Denn „bevor die Dresdner Oper zerbombt wurde, haben Dresdner Bürger persönlich die Semper-Synagoge angezündet“. Ihre Kollegen vom Team aus Seligenstadt sind ebenfalls auf braunen „Dreck“ in der Stadtgeschichte gestoßen. Das Team mit dem passenden Namen „Fleckenlöser“ hält nicht nur die Erinnerung an ein ehemals nahe der Heimatstadt gelegenes Arbeitslager wach, sondern kämpft in einem engagierten Kommentar auf „ihrer“ Zeitungsseite gegen das Vergessen und Verdrängen der dunklen Geschichte aus der nächsten Umgebung. Dass die Stadtväter von Seligenstadt ausgerechnet jetzt das einzige Mahnmal für die im Lager Ermordeten entfernen möchten, („einen schlichten Stein“) ärgert die jungen Schreiber zwar sehr, beweist ihnen aber auch, wie wichtig ihre Arbeit ist.

Soviel soziales Interesse und Engagement von Seiten der Jugendlichen gehört belohnt, und deswegen wurden sie im vergangenen Monat vom Projektschirmherr, Bundespräsident Horst Köhler, in Berlin empfangen. „Öffentliche Aufklärung“, so Präsident Horst Köhler, „ist die Grundlage der Demokratie.“ Er danke deshalb den fleißigen Nachwuchs-Journalisten für ihre Arbeit, die ihm ihrerseits die frisch gedruckte Zeitung präsentierten. Außerdem stellte sich der Bundespräsident den Fragen der angereisten Jugendlichen: „Ich hoffe, ihr habt bei Eurer Arbeit gelernt, dass Freiheit ein unverzichtbares, aber auch immer bedrohtes Gut ist.“ Im Gespräch appellierten die Schüler an die Schulen, mehr Geschichtsunterricht und vor allem mehr Besuche von Zeitzeugen in die Lehrpläne aufzunehmen. „Die Leute wollen erzählen – man muss sie nur fragen! Schon in wenigen Jahren ist diese Chance vertan“, warnte Anton Lißner aus Potsdam in Anbetracht der aussterbenden Generation. Sein Team wurde für besonders gute Texte mit dem „Sonderpreis Journalismus“ ausgezeichnet.

Das erfolgreiche Projekt wird in Zukunft fortgesetzt werden. Die Initiatorin des Projektes, Sonja Lahnstein, wies bereits in ihrer Einführungsansprache darauf hin, wie viele Lücken in der Auseinandersetzung mit der Geschichte immer noch zu füllen seien.

Infos zu dem Projekt und die ourier new" >„Weiße Flecken“-Zeitung, die in einer Auflage von 30.000 Exemplaren erschienen ist, gibt es im Internet unter www.step21.de.