6. Jahrgang Nr. 2 / 24. Februar 2006 - 26. Schwat 5766

Konfrontation statt Kommunikation

Konflikt zwischen islamischer Intoleranz und westlicher Meinungsfreiheit hat durch die Mohammed Karikaturen einen traurigen Höhepunkt erreicht – Zentralrat setzt auf Respekt und Dialog

Foto: dpa
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Flächenbrand in der Muslimischen Welt: Nach dem Freitagsgebet kam es Anfang Februar in zahlreichen islamischen Ländern zu massiven Protesten wegen der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in westlichen Medien. Hunderttausende aufgebrachter Muslime gingen im Iran, Libanon, Irak, in Syrien, Jordanien, Indonesien, Ägypten, Pakistan und in den Palästinenser Gebieten auf die Straße, weil sie sich durch die Bilder in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlten. Die aufgebrachten Demonstranten stürmten Botschaften, verbrannten Fahnen und warfen Brandsätze auf zahlreiche Vertretungen europäischer Ländern und von internationalen Hilfsorganisationen. Dabei hatte es im Laufe der ersten Protestwoche bereits zahlreiche Todesopfer gegeben. Hintergrund für die völlig außer Kontrolle geratenen Ausschreitungen war der Abdruck von zwölf islam-kritischen Zeichnungen im Herbst vergangenen Jahres in der dänischen Tageszeitung "Jyllands-Posten". Europäische Politiker warnten davor, durch solche Veröffentlichungen mit dem hohen Gut der Pressefreiheit allzu leichtfertig umzugehen. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) wandte sich gegen eine Überinterpretation der Pressefreiheit und gab zu bedenken, dass mit einem sensiblen Thema gedankenlos umgegangen worden sei. Auch der ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Nadeem Elyas, und Zentralratspräsident Paul Spiegel kritisierten den Abdruck der Zeichnungen scharf, wandten sich aber entschieden gegen gewaltsame Proteste. In einer öffentlichen Erklärung machte der Zentralrat der Juden seine Position im Karikaturen-Streit, der zu einer Eskalation zwischen der westlichen und islamischen Welt und zu einem Kampf der Kulturen führen könnte, unmissverständlich deutlich und forderte Dialog statt Gewalt sowie mehr Toleranz und Respekt im Umgang mit fremden Kulturen. Die Erklärung im Wortlaut:

"Die jüngsten gewalttätigen Demonstrationen, die mittlerweile mehrere Todesopfer gefordert haben, sind ein schrecklicher Beweis für das Scheitern des politischen und interreligiösen Dialogs zwischen den verschiedenen Kulturen in den vergangenen Jahren", so Zentralrats-Präsident Paul Spiegel. Statt schulmeisterlicher Belehrungen über die westlichen Prinzipien der Meinungs- und Pressefreiheit, wäre mehr Sensibilität für die religiösen Gefühle der muslimischen Religionsgemeinschaft angebracht.

„Nicht alles, was als Meinung rechtlich geschützt wird, ist moralisch und ethisch vertretbar. Die - gar nicht hoch genug zu schätzende - Meinungsfreiheit hat da ihre Grenzen, wo die Menschenwürde - und dazu gehört auch die Würde von Muslimen und ihrer Religion - verletzt wird“, betont der Präsident des Zentralrats. „Ohne Frage sind die gewalttätigen Ausschreitungen durch nichts zu rechtfertigen, aber man würde den an einer Eskalation der Situation offensichtlich interessierten Islamisten leichtfertig in die Hände spielen, würde man hierfür die Gesamtheit der Muslime in Haftung nehmen. Es gibt keine Kollektivhaftung!

Gleichwohl sollte sich die abendländische Kulturgemeinschaft davor hüten, die eigenen freiheitlichen Grundwerte und Traditionen im Angesicht von gewalttätigen Demonstranten leichtfertig aufzugeben. Selbstbewusstsein ohne Arroganz einerseits und verständnisvolle Hilfe bei einem Transformations- und Modernisierungsprozess einer der ältesten Religionen der Menschheit andererseits, sind keine Gegensätze, sondern können durchaus zwei Seiten ein und derselben Medaille sein.

Allerdings sind auch die islamischen Gesellschaften gefordert, ihren Teil zu einer Deeskalation der aktuellen Situation beizutragen. Wenn eine iranische Zeitung als Reaktion auf den Konflikt, einen internationalen Karikaturen-Wettbewerb zum Holocaust ausschreibt, trägt dies sicher nicht zu einer Befriedung der aufgeheizten Emotionen bei, sondern schürt den Konflikt auf unerträgliche Weise.

Kanzlerin Merkel hat Recht, wenn sie zur Besonnenheit und Deeskalation mahnt. Ein Kampf der Kulturen ist vermeidbar und die Zahl der unschuldigen Opfer muss nicht noch größer werden, wenn wir endlich zu einem respektvollen und partnerschaftlichen Dialog miteinander finden“, so Paul Spiegel zuversichtlich.

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