07.02.2006

Paul Spiegel zum ‚Karikaturen-Streit’

"Die jüngsten gewalttätigen Demonstrationen, die mittlerweile mehrere Todesopfer gefordert haben, sind ein schrecklicher Beweis für das Scheitern des politischen und interreligiösen Dialogs zwischen den verschiedenen Kulturen in den vergangenen Jahren", so Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden.

"Statt schulmeisterlicher Belehrungen über die westlichen Prinzipien der Meinungs- und Pressefreiheit, wäre mehr Sensibilität für die religiösen Gefühle der muslimischen Religionsgemeinschaft angebracht“, bekräftigt Spiegel.

„Nicht alles, was als Meinung rechtlich geschützt wird, ist moralisch und ethisch vertretbar. Die - gar nicht hoch genug zu schätzende - Meinungsfreiheit hat da ihre Grenzen, wo die Menschenwürde - und dazu gehört auch die Würde von Muslimen und ihrer Religion - verletzt wird“, betont der Präsident des Zentralrats.

„Ohne Frage sind die gewalttätigen Ausschreitungen durch nichts zu rechtfertigen, aber man würde den an einer Eskalation der Situation offensichtlich interessierten Islamisten leichtfertig in die Hände spielen, würde man hierfür die Gesamtheit der Muslime in Haftung nehmen. Es gibt keine Kollektivhaftung!

Gleichwohl sollte sich die abendländische Kulturgemeinschaft davor hüten, die eigenen freiheitlichen Grundwerte und Traditionen im Angesicht von gewalttätigen Demonstranten leichtfertig aufzugeben. Selbstbewusstsein ohne Arroganz einerseits und verständnisvolle Hilfe bei einem Transformations- und Modernisierungsprozess einer der ältesten Religionen der Menschheit andererseits, sind keine Gegensätze, sondern können durchaus zwei Seiten ein und derselben Medaille sein.

Allerdings sind auch die islamischen Gesellschaften gefordert, ihren Teil zu einer Deeskalation der aktuellen Situation beizutragen. Wenn jetzt eine iranische Zeitung als Reaktion auf den Konflikt, einen internationalen Karikaturen-Wettbewerb zum Holocaust ausschreibt, trägt dies sicher nicht zu einer Befriedung der aufgeheizten Emotionen bei, sondern schürt den Konflikt auf unerträgliche Weise.

Kanzlerin Merkel hat Recht, wenn sie zur Besonnenheit und Deeskalation mahnt. Ein Kampf der Kulturen ist vermeidbar und die Zahl der unschuldigen Opfer muss nicht noch größer werden, wenn wir endlich zu einem respektvollen und partnerschaftlichen Dialog miteinander finden“, so Paul Spiegel zuversichtlich.

Berlin, den 07.02. 2006