6. Jahrgang Nr. 1 / 27. Januar 2006 - 27. Tewet 5766

Jüdischer Pluralismus

Von Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart

rutiger 55 roman" >Mit der Lesung des zweiten Buches der Tora (Wochenabschnitt Schemot) tritt Moses zum ersten Mal in Erscheinung. Sein Leben wird bereits bei der Geburt bedroht: Per Gesetz befiehlt Pharao, alle jüdischen Knaben zu töten. Drei Frauen, sorgen erfolgreich für Moses’ Rettung und Überleben. Zunächst seine Schwester Mirjam durch ihren tapferen Einsatz bei der ägyptischen Prinzessin. Und dann selbstredend seine Mutter Jochebed. Wir lernen also, dass die Befreiung der in Ägypten versklavten Israeliten nicht allein das Werk von Moses war, obwohl er aufs engste mit den fünf Büchern der Tora verbunden ist. Moses war das Kind einer jüdischen Sklavenfamilie, der von der Tochter des Pharao als ein auf dem Nil ausgesetzter jüdischer Knabe aufgenommen und im Palast erzogen wurde. Die mutige Frage Mirjams an die ägyptische Prinzessin: „Soll ich gehen und dir von den Hebräerfrauen eine Amme holen?” (2.B.M. 2:7) hat unter den Rabbinen unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Raschi, der Wormser Gelehrte meinte, der Knabe habe keine andere Frau, als die eigene Mutter angenommen. Der Kossower Rebbe, eine bekannte Größe der chassiddischen Welt, erzählte zu dem Vers eine ihm überlieferte Begebenheit:

rutiger 55 roman" > Einst kam eine arme Frau zu dem Meister Baal Schem Tow und erflehte seinen Segen, damit sie Mutter einer glücklichen Familie werden könne. Nach dem Segen gebar die Frau einen Sohn. Nach einem Jahr brachte sie das Kind erneut zum Baal Schem Tow, der es wieder segnete. Dennoch starb der Knabe kurz darauf. Die Frau klagte den Baal Schem Tow an, dass er es war, der das Kind getötet hatte. Der Rabbi vermochte die Mutter nicht zu trösten und erzählte ihr die Legende von einem Herrscher, dessen Land, das unterzugehen drohte, nur durch die Gebete der Juden und die Geburt eines Prinzen gerettet werden konnte. Jenem Prinzen ebnete ein Priester, der als Kind aus dem Ghetto entführt und getauft worden war, den Weg in eine jüdische Gemeinde, in der der Erbe sich eifrig dem Talmudstudium hingeben konnte. Nach seinem Tode gelangte der Prinz vor G-ttes Richterstuhl. Dort äußerte man die Meinung, dass die Seele, die es einst freiwillig auf sich genommen hatte, bedrohte Menschen auf der Erde zu retten, ihren Platz unter den Heiligen finden müsste, wenngleich er das leibliche Kind einer nicht-jüdischen Königin war. Daher beschloss man, dass er nochmals geboren werden müsste, diesmal als Kind einer armen, geplagten jüdischen Frau. Der Baal Schem Tow sagte noch zu der trauernden Mutter: Du sollst wissen, dass du allein für würdig befunden worden bist, Mutter eben dieses Kindes zu sein, das du bald gebären wirst. Von dir wird er die Muttermilch bekommen, um uns allen eines Tages viel Freude zu bereiten.

rutiger 55 roman" > Jüdischer Pluralismus bietet eben auch Moses betreffend Raum für sehr unterschiedliche Ausführungen.rutiger 55 roman" >

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