6. Jahrgang Nr. 1 / 27. Januar 2006 - 27. Tewet 5766

Tendenz steigend

Laut Meinungsforschern nimmt Juden und Fremdenfeindlichkeit in Russland zu

Von Harald Neuber

Mehr als zwei Jahre haben die Meinungsforscher des Moskauer Instituts Levada Daten zum Thema Rassismus in Russland gesammelt. Vor kurzem wurde das Ergebnis veröffentlicht; es trug zur wachsenden Unruhe in der Migrantengemeinde Russlands bei. Levada deckte auf, dass sich ein wachsender Anteil der russischen Bevölkerung zu rassistischen Einstellungen bekennt – ein Trend, der in dem Maße zunimmt, wie die sozialen Unterschiede im Land wachsen.

Während im Jahr 2004 noch 46 Prozent der Befragten dafür plädierten, den Zuzug von Arbeitsimmigranten aus dem Kaukasus zu begrenzen, waren es 2005 bereits 50 Prozent. Stärker ist nur die Zunahme der Ablehnung von Chinesen. Im vergangenen Jahr sprachen sich 39 Prozent der Befragten dafür aus, ihre Einreise zu begrenzen, in diesem Jahr bereits 46 Prozent. Bei gleicher Fragestellung liegt die Ablehnungsrate gegenüber Juden derzeit bei 18 Prozent im Vergleich zu 15 Prozent in 2004. Das ist zwar eine geringe Zunahme, doch verwies der russisch-jüdische Dachverband UCSJ in einer Stellungnahme darauf, dass Juden, anders als Chinesen oder Menschen aus dem Kaukasus, „eher aus Russland auswandern, als nach Russland kommen“. Selbst eine drei Prozent höhere Ablehnung falle daher ins Gewicht.

Internationale Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. John Hanford, Sonderbotschafter für Religionsfragen der US-Regierung, erinnerte daran, dass im ersten Halbjahr 2005 so viele antisemitische Übergriffe verzeichnet wurden wie im gesamten Vorjahr. Zugleich bescheinigte Hanford der russischen Regierung allerdings, Antisemitismus „entschieden entgegenzutreten“.

Auf die russische Politik insgesamt trifft dieses Urteil nicht zu. Im April erst hatten zwanzig Duma-Abgeordnete der nationalistischen Fraktion „Rodina“ (Vaterland) einen offenen Brief initiiert, in dem sie das Verbot jüdischer Organisationen wegen der Gefahr einer „Unterwanderung Russlands“ forderten. Auslöser war die Neuauflage des Schulchan Aruch, einer rabbinischen Textsammlung aus dem 16. Jahrhundert. Darin enthaltene Aussagen über die christliche Gemeinde interpretierten die Autoren als „antichristliche“ Hetze. Sie wollen Juden in Russland jetzt das Recht auf den Beruf eines Beamten und Journalisten vorenthalten.

Im Gespräch mit dem Nachrichtensender N24 deutete Israels russischstämmiger Knesset- Abgeordneter Roman Bronfmann den Brief, den 5000 Menschen unterstützten, als Reaktion auf die Stärkung der jüdischen Gemeinde und auf den Prozess gegen den Erdölmagnaten Michail Chodorkowski. Dies würde auch die Reaktionen der Justiz erklären. Die Staatsanwaltschaft kam der Forderung der Autoren des Briefes tatsächlich nach und eröffnete ein Vorermittlungsverfahren gegen den Anführer des russischen Reformjudentums und Übersetzer der historischen Textsammlung, Rabbiner Zinovy Kogan. Die Gegenanzeige von Menschenrechtsgruppen wegen „Anstachelung zum nationalem und religiösen Hass“ wurde nicht weiter verfolgt.

Zu einem antisemitischen Vorfall war es vor wenigen Tagen in einer Moskauer Synagoge gekommen: Ein junger Mann hatte acht Menschen durch Stiche zum Teil lebensgefährlich verletzt.