4. Jahrgang Nr. 3 / 19. März 2004 - 26. Adar 5764

“Wir sind eine lebendige Gemeinde”

Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Bremen über ihre Ziele und Erfolge – ein Portrait

Von Irina Leytus

Die Hansestadt Bremen hat eine relativ junge jüdische Geschichte: Im 17. und 18. Jahrhundert hinderten Senat, Zünfte und Kaufleute die Juden daran, sich in der Stadt anzusiedeln. Erst nach 1803 durften sie sich vereinzelt in Bremen niederlassen, lebten aber im Allgemeinen unter schwierigen politischen Bedingungen. Nur so lässt sich das Phänomen erklären, dass das jüdische Bürgertum in der Hansestadt Mitte des 19. Jahrhunderts nicht in bürgerlichen, sondern vorwiegend in sozialistischen Parteien aktiv war: Von 17 jüdischen Abgeordneten in der Reichstagsversammlung 1897 waren 15 Sozialisten und zwei „parteilose“ Abgeordnete.

Die ersten deutlichen antisemitischen Bedrohungen waren am 13. März 1933 – dem Tag, der vom Widerstand gegen die Weimarer Republik geprägt war - zu spüren. Vergeblich versuchten die Bremer Juden daran zu erinnern, dass unter den „gefeierten“ Toten des 1. Weltkrieges 12.000 Juden waren, „die Grab an Grab und in Massengräben mit ihren christlichen Kameraden liegen“.

Die Vorkriegsgeschichte wirft kaum Schatten auf das jüdische Leben in Bremen heute. Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Elvira Noa, schwärmt von der hanseatischen Weltoffenheit der Menschen und von der modernen Orientierung der Politik: „Obwohl Bremen nur eine halbe Million Einwohner hat, spüre ich hier keine kleinstädtische Mentalität.“ Vor sieben Jahren wurde die aus Baden-Württemberg stammende Noa an die Spitze des Vorstands gewählt.

Als sie sich damals durch alte Akten und die marode Gemeinde-Bibliothek wühlte, entdeckte sie zufällig die Jubiläumsschrift von 1928 „125 Jahre der Bremer jüdischen Gemeinde“. „Es gab in der Gartenstraße im Schnoorviertel alles, was eine florierende jüdische Gemeinschaft vor der Nazizeit brauchte: Kindergarten, Sozialabteilung, Friedhof, Schule und sogar einen jüdischen Brautverein. Da dachte ich: So muss und kann es wieder werden, weil inzwischen genügend jüdische Menschen hier leben.“ Von den 1200 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Bremen stammen 95 Prozent aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Und wie bewältigt die Latein- und Musiklehrerin Elvira Noa ihre Aufgabe in einer vorwiegend russischsprachigen Gemeinschaft? „Mittlerweile verstehe ich schon ein wenig Russisch. Am besten geht es mit einem guten Dolmetscher. Ich will die Menschen respektieren, so wie sie sind.“ Sie legt Wert darauf, dass sich vor allem die älteren russischsprachigen Gemeindemitglieder nicht durch eine Sprachbarriere ausgeschlossen fühlen: „Freitagabend gibt es immer eine ,deutsche’ Ansprache mit russischer Übersetzung von Landesrabbiner Benyamin Barslai. Da kommen viele Leute.“ Täglich steht Deutschunterricht für Erwachsene auf dem Gemeindeplan, der Rabbiner lädt zum Religionsunterricht für Erwachsene, jeden Sonntag unterrichtet Noa die Kinder in jüdischer Religion und Tradition. Ebenfalls jeden Sonntag tagt der Seniorenclub mit Vorträgen (meist auf Russisch) oder Konzerten. Darin sieht Noa mehr ihre „Fürsorgepflicht“ als ein Problem: „Die Leute brauchen ihre Sprache, um sich hier heimisch zu fühlen. Psychische Probleme sind bei älteren Menschen in der Fremde keine Seltenheit.“ Auch die jungen Mitglieder kommen in der Bremer Gemeinde „auf ihre Kosten“: im Hort, im Kindergarten, im Jugendzentrum.

Auf die Besonderheit der Bremer Gemeinde angesprochen, sagt Elvira Noa: „Wir sind eine sehr lebendige Gemeinde. Unsere Jugend findet es schade, dass die Gemeinde als eher klein und unbedeutend wahrgenommen wird, obwohl wir doch so vieles aus eigener Kraft schaffen. Mit viel Begeisterung und Elan suchen wir Mittel und Wege, um das jüdische Leben hier wiederaufzubauen.“