5. Jahrgang Nr. 12 / 23. Dezember 2005 - 22. Kislew 5766

Zuwanderung – Last oder Bereicherung?

Beim Jugendkongress in Düsseldorf standen Diskussionen, Party und Vorträge auf dem Programm

Tobias Kaufmann

Das Hotel Lindner in Düsseldorf stand am ersten Dezember Wochenende ganz im Zeichen der Jugend: Wie in jedem Jahr hatte die Zentralwohlfahrtsstelle wieder zum Jugendkongress geladen und knapp 400 engagierte junge Juden zwischen 18 und 35 Jahren waren gekommen. Sie wollten feiern, diskutieren und vielleicht auch ein wenige flirten…

Highlight war auch in diesem Jahr gewiss wieder die große Party, an der nicht nur die Teilnehmer sonder auch an die 350 externe Gäste teilnahmen. „Ein größeres Treffen junger Juden gibt e in Deutschland wohl nicht,“ sagt ZWSt-Jugendreferent Deni Kranz, „und auch keine größere jüdische Flirt- und Heiratsbörse.

Zum Programm gehörten in diesem Jahr wieder Vorträge, Lesungen und Podiumsdiskussionen über „60 Jahre nach dem Holocaust“, „40 Jahre Deutsch-Israelische Beziehungen“ und „15 Jahre Zuwanderung“. Und die Veranstaltungen waren gut besucht, ebenso die Schabbat-Gottesdienste.

Mehr als 200 Teilnehmer hatten sich bei der Diskussion mit den ehemaligen Botschaftern Rudolf Dreßler und Beni Navon gedrängelt. Auch die Lesungen von Mia Pradelski und Lena Gorelik waren voll. Dass bei der Diskussion über 15 Jahre Zuwanderung auch harte Worte fallen, scheint dennoch kein Widerspruch zu sein. Die Konflikte, die es in den jüdischen Gemeinden gibt, bleiben auf dem Jugendkongress nicht außen vor. „Das zu glauben, wäre Augenwischerei“, sagt Kranz.

Trotzdem ging es unter den rund 150 Teilnehmern der Diskussion „15 Jahre Zuwanderung – Bereicherung oder Last?“ hoch her. Auf dem Podium stritten der Historiker Pavel Polian und ZWSt-Direktor Beni Bloch über Zuwanderungsstatistiken und die Frage, ob Judentum auch ethnisch definiert werden könne, statt allein religiös. So warf Polian den Zentralratsgemeinden vor, zu wenig Anreize für jene 50 Prozent der Zuwanderer zu schaffen, die zwar als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, aber nie Gemeindemitglieder wurden. Bloch und Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, wiesen die Vorwürfe zurück.

Für das Publikum stellte sich die Frage nicht, ob die Zuwanderung Last oder Bereicherung sei – für sie ist es eine unabänderliche Tatsache. Unter den jungen Gemeindemitgliedern entzündete sich schnell eine teilweise hitzige Debatte darüber, ob ihre eigene Integration gelungen sei oder nicht. „Wir sind doch alle integriert, sind hier zur Schule gegangen, studieren und arbeiten hier – was soll also diese Diskussion?“ fragte Irina aus Hannover. Dann wandte sie sich erbost an die Schriftstellerin Lena Gorelik, die auf dem Podium einigen Zuwanderern vorgeworfen hatte, lieber unter sich bleiben zu wollen und gleichaltrige „Alteingesessene“ auszugrenzen. „Was passiert denn umgekehrt? Wenn eine Gruppe deutscher Juden zusammensteht und ein Zuwanderer kommt hinzu, dann ignorieren die den doch genauso!“ „Und du nennst dich integriert?“ rief ein junger Mann daraufhin aus dem Publikum.

Obwohl alle im Saal deutsch sprachen und nach allen politischen Kriterien ein Musterbeispiel für eine gelungene Eingliederung der zweiten Generation von Immigranten in die neue Gesellschaft sind, war zu spüren, dass beide Seiten sich manchmal gekränkt fühlen. „Ich kann gut verstehen, dass es bei dem Thema emotional wird“, sagte Anna Rothholz aus Berlin. Der Streit, wie und wann man wirklich integriert ist, ohne die eigenen kulturellen Wurzeln aufzugeben, geht quer durch alle Gruppen. Deshalb forderte ein Teilnehmer die Runde auf, weniger die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten zu betonen.

Schnell einig waren sich die jungen Gemeindemitglieder, als es um das Thema Jugendarbeit ging. „Die Struktur stimmt nicht mehr. Für die 18- bis 35jährigen gibt es kein Engagement in den Gemeinden“, rief Michael Rubinstein, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Duisburg. „Wo ist der Austausch zwischen den Generationen, wo sind die führenden Vertreter des Zentralrats, die hier mit uns diskutieren?“ Damit sprach er den meisten Anwesenden aus dem Herzen.

Josef Schuster, Jugenddezernent des Zentralrats, versprach, im kommenden Jahr die geforderte Diskussion mit Präsidiumsmitgliedern zu organisieren. Und er bat die jungen Mitglieder, ihre Gemeindevorstände mit Ideen zu nerven. „Ihr habt ein Recht, dass man euch unterstützt.“ Und Beni Bloch wurde klar: „Wir müssen aufpassen, diese tolle Jugend nicht zu verlieren.“

Eine junge Frau betonte dagegen die Eigeninitiative. „Ich war lange nicht mehr in meiner Gemeinde. Hier auf dem Kongress habe ich begriffen, dass wir uns selbst mehr engagieren müssen.“ Aber trotz der unterschiedlichen Erfahrungen von jungen Menschen verschiedenster Herkunft – die Gemeinsamkeiten innerhalb der eigenen Generation überwiegen – das wurde auf dem Jugendkongress deutlich.

Aus Jüdische Allgemeine 49, 8. Dezember 2005