5. Jahrgang Nr. 12 / 23. Dezember 2005 - 22. Kislew 5766

Das vergessene KZ

Plötzlich aufgetauchte Dokumente bringen 60 Jahre nach Kriegsende Licht in ein dunkles Kapitel der Nazizeit: Es geht um Details über das berüchtigte Konzentrationslager Wansleben in einem stillgelegten Salzstollen

Nico Wingert

Wansleben am See ist ein Ort, den die Welt vergessen zu haben scheint.

Es ist eines dieser Dörfer, die man schnell wieder vergisst: Ein paar alte Bergarbeiter-Häuser, ein kleiner „Tante Emma Laden“, eine Kneipe direkt neben dem Friedhof. Tiefste sachsen-anhaltinische Provinz, eingeklemmt zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Kaum etwas hier erinnert an die Deutsche Geschichte, die einst im Gleichschritt durch die Dorfstraßen marschierte: Die Spur des „Tausendjährigen Reiches“ verliert sich in Wansleben auf einem staubigen Feldweg am südöstlichen Ortsrand, der zu einer von Gestrüpp überwucherten alten Industriebrache führt. In 380 Meter Tiefe ruht hier das dunkelste Kapitel der Dorfgeschichte: Der „Georgischacht“ – einstmals Einstieg in ein unterirdisches Labyrinth aus kilometerlangen Stollen, Gängen, unbekannten Kammern und KZ-Rüstungsschmiede.

Weder die Öffentlichkeit noch Historiker wussten bisher von dem Konzentrationslager in Wansleben, eines der berüchtigten Außenlager des KZ Buchenwald, in denen Tausende Häftlinge zu Tode geschunden wurden.

Die internationale Aktenlage zu diesen Geschehnissen ist eher dürftig: Yad Vashem und andere Quellen berichten in kaum mehr als zehn Zeilen zu den Vorgängen in Wansleben, dessen „Arbeitskommandos“ die Codenamen „Wilhelm“ oder „Biber II“ trugen. Überliefert sind zudem nur einige Aktenfragmente des „SS-Führungsstabes A6“, der das KZ 1944 aufgebaut hatte, sowie ein paar Notizen in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen.

An einer umfassenden historischen Aufarbeitung der Lagergeschichte war offenbar bis heute nie wirklich jemand interessiert – weder die 3. US-Army, die das Lager am 12. April 1945 befreit hatte, noch die Besatzungstruppen der Roten Armee, die elf Wochen später folgten. Auch die DDR nicht, deren Staatssicherheit ausgerechnet über dieses KZ den Mantel des Schweigens ausbreitete. Darüber kann auch das 1946 eingeweihte Mahnmal mit den eingravierten Namen der deutschen Konzentrationslager nicht hinwegtäuschen, das die Russen 1946 auf dem Wanslebener Dorfplatz aufstellen ließen.

Das jetzt doch Licht in die Schatten der dunklen Vergangenheit fällt, dürfte vor allem den Recherchen des pensionierten Bergmanns Horst Bringezu aus Halle (Saale) und den Reportern des Nachrichtenmagazins „Der SPIEGEL“ (38/2005) zu verdanken sein. Tatsächlich hatte die Grube im Dritten Reich zunächst als Schatzbunker und später als Rüstungsproduktion gedient. Zuerst suchte die Hallenser Leopoldina, die älteste naturwissenschaftliche Akademie Deutschlands, im Sommer 1943 eilig nach einem bombensicheren Lager für die Kostbarkeiten ihrer Bibliothek. Sie entschieden sich für das 1926 stillgelegte Salzbergwerk, 18 Kilometer westlich von Halle. Von Oktober 43 an, so geht es aus alten Transportlisten hervor, fuhren insgesamt 524 Kisten, voll gepackt mit 6902 wertvollen Büchern, in die Tiefen des Georgischachts des Georgischachtes ein.

Schon knapp ein halbes Jahr später beschlagnahmte die SS das Areal. Der Gruben-Komplex schien ideal und wurde im Frühjahr 1944 unter SS- Kommando gestellt. Im April verlegte Himmler einen „Führungsstab“ mit dem Decknamen „A 6“ nach Wansleben, der die Waffenproduktion unter Tage vorbereiten sollte. Zu diesem Zweck wurden das Bergwerksgelände der Schächte Georgi und Neumansfeld als KZ eingerichtet und Hunderte KZ-Häftlinge aus Buchenwald und anderen Konzentrationslagern in Viehwaggons herbeigeschafft. Die mussten die neuen Stollen und Schächte in den Berg hauen, in denen dann unterirdische Werkshallen für den „Endsieg“ entstehen sollten. In diesen Bautrupps schufteten vor allem französische, belgische, polnische und russische Häftlinge. Später lies die SS aus den Konzentrationslagern Auschwitz, Sachsenhausen und Buchenwald so genannte Spezialisten wie Dreher und Ingenieure für die Rüstungsproduktion kommen. Wie die SS die Häftlinge quälte und ausbeutete, ist in zahlreichen detaillierten Briefen polnischer und tschechischer Häftlinge dokumentiert. Diese stammen aus einen Briefwechsel der Schüler einer Schule in Wansleben mit den Überlebenden aus den 70er Jahren, den die Stasi akribisch kopierte. Leider sind die Originale in den Wendewirren 1990/91 durch die Schulleitung verbrannt wurden. Angeblich versehentlich.

Übereinstimmend schildern ehemalige Zwangsarbeiter die völlig mangelhafte Ernährungssituation im Lager: Die Essensrationen, mit denen sie die zwölf-Stunden-Schichten unter Tage bei Temperaturen um 55 Grad überleben sollten, bestanden aus je einer Tasse Kaffee-Ersatz morgens und abends, eine dreiviertel Liter Wassersuppe und 400 Gramm Brot. Dazu kamen die unerträglichen Schikanen des Wachpersonals – bei kleinsten Vergehen hätte die SS systematisch geprügelt, mit Gummiknüppeln, Peitschen, Rohstöcken oder Fäusten.

Bislang ungeklärt sind auch die Einlagerungen von geheimnisvollen Kisten in die Tiefen des Salzbergwerks von Januar bis März 1945 - die der berüchtigte Kommandant von Auschwitz, Rudolf Höss, persönlich in Wansleben überwacht haben soll. Zeitzeugen berichteten, dass die an dieser „Sonderaktion“ beteiligten KZ-Häftlinge in das Krematorium nach Buchenwald „verfrachtet“ wurden.