Wen die Ruprecht-Karls-Universität unersetzlich
verloren hat, ist unten in der Eingangshalle in Stein geschlagen. Unter den
dort Genannten war Raymond Klibansky, der frühere Privatdozent der
Philosophischen Fakultät der letzte; er ist in diesen Wochen verstorben. Diese Verluste schmerzen tief und müssen dies
auch auf Dauer[3].
Nicht allein weil die deutsch-jüdischen Künstler und Geistesgrößen, die
Wissenschaftler mit Weltruhm, die Nobelpreisträger nun so sehr fehlen in
Deutschland; nein, vor allem weil Deutsche es zuließen, dass andere Deutsche
ihre deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger stigmatisierten, beschimpften,
bespieen, malträtierten und damit die Dämme gegen den Hass einrissen, der
diesen Mitbürgern und Abermillionen anderer Juden und Nicht-Juden mit ihnen den
Tod in den Gaskammern, vor Pelotons und unter der Guillotine brachte. Was den
Deutschen beim Zuschauen zwischen 1933 und der Reichspogromnacht 1938 fast
überall fehlte, waren Anstand, Courage und tätiges Mitleid: Dieselben, die Max
Hachenburg eben noch feierten, machten ihn augenblicklich zur Unperson,
verleugneten ihn und sein Werk[4]; nur
wenige Jahre später werden seine Töchter, der Schwiegersohn und das Enkelkind
in Auschwitz ermordet.
Welch´ unermesslichen Verlust wir
Deutschen uns vor drei Generationen mit der Vertreibung und Vernichtung unserer
jüdischen Mitbürger selbst zugefügt haben, scheint in einem Brief auf, den Max
Hachenburg 1946 aus der Zuflucht in Kalifornien schrieb: „Hass ist immer
hässlich, am hässlichsten aber, wenn er sich gegen das frühere Vaterland bei dessen
Unglück äußert“[5].
Aber Deutschland, das für so viele Juden aus Russland, Polen, Litauen und der
Ukraine zunächst Land der Hoffnung und dann Heimat geworden war, in dem sie mit
ihren Familien als Deutsche jüdischen Glaubens lebten und arbeiteten, dies Deutschland
war schon 1933 untergegangen, die so überaus fragile Symbiose zwischen
Nicht-Juden und Juden[6]
unwiederbringlich verloren. Die wenigen, die das Morden versteckt in Berlin,
Köln, Frankfurt, Hamburg oder Heidelberg überlebt hatten, die auf dem Weg nach
Kanada, die USA oder Australien dann
doch hier geblieben oder gar aus dem Exil zurückgekehrt sind, wie der
Expressionist Ludwig Meidner[7], den
ich selbst als Schüler im Haus meiner Großeltern kennen lernte, diese wenigen
Juden wurden nicht wahrgenommen und konnten deutsch-jüdisches Zusammenleben
nach der Shoa nicht fortsetzen. Was vor den Nationalsozialisten war, ist
verbrannt, vergast, erschlagen.
Und dann geschieht gut 25 Jahre nach der Katastrophe des
europäischen Judentums ein wahres Wunder hier in der Kurpfalz: Der Oberrat der
Israeliten Badens fordert für die jüdischen Gemeinden in Deutschland, für die 25 000 hier lebenden
Juden ein akademisches Institut, um Rabbiner, Religionslehrer und Vorbeter für
sie nicht länger im Ausland bei deutschsprachigen Fachleuten in der Emigration
oder bei ausländischen Lehrkräften ausbilden zu lassen, die die deutsche
Sprache nicht sonderlich beherrschen[8]. Für
ein solches Institut in der Nachfolge der von den Nationalsozialisten
zerstörten Rabbinerseminare wie der Lehranstalt für die Wissenschaft des
Judentums in Berlin oder des Jüdisch-Theologischen Seminars in Breslau schlägt
der israelitische Oberrat in seinem Memorandum vom Mai 1972 als Sitz Heidelberg
und zugleich die Verbindung zur Ruprecht-Karls-Universität vor – wegen ihres
internationalen Rufs als Sitz einer theologischen Fakultät und ihrer
Geschichte: Bereits im 17. Jahrhundert sei ein Ruf nach Heidelberg an den
jüdischen Philosophen Spinoza ergangen.
Wer zu diesem von Werner Nachmann, dem
späteren Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, unterzeichneten
Memorandum die Generalakten der Universität Heidelberg studiert, dem wird sich
alsbald der Eindruck aufdrängen, hinter diesem Vorstoß für ein
jüdisch-theologisches Institut und seine inhaltliche Ausgestaltung stehe eine
kluge und erfahrene Frau – die Heidelberger Gastprofessorin Dr. Pnina Navé[9], in
Berlin geboren und als Oberschülerin nach Palästina ausgewandert, an der
Hebräischen Universität in Jerusalem zum Ph. D. promoviert, als Ehefrau des badischen
Landesrabbiners Dr. Nathan Peter Levinson nach Deutschland zurückgekehrt. „Zur
Einrichtung der Wissenschaften vom Judentum in Heidelberg“ hat Frau Dr.
Levinson-Navé ausführlich in unserer Zeitschrift Ruperto Carola vorgetragen[10].
Und noch einen weiteren Eindruck
vermitteln die Generalakten: den vom so geschäftsmäßigen Ablauf aller
Anstrengungen unter der engagierten Federführung des damaligen Prorektors
Professor Hans-Joachim Zimmermann: Die Aufgaben der neuen Institution, ihre
hochschulrechtliche Organisationsform, die Verknüpfung mit der Universität
Heidelberg und vor allem die Finanzierung der Institution – die ihrer
Einrichtung und ihres Lehr- und Forschungsbetriebes; auf diese Technikalia
konzentrierten sich die damaligen Akteure aus dem Zentralrat, der Universität
und ihren Fakultäten, aus den Ministerien des Bundes und der Länder mit allem
Nachdruck. Dahinter blieben die untereinander ausgetauschten Papiere auffällig
frei von jeglicher Emotion; nur gelegentlich blitzt das wahrhaft und bis dahin
Unvorstellbare auf, das in der Gründung einer Jüdisch-Theologischen Hochschule
in Heidelberg verborgen liegt, der späteren Hochschule für Jüdische Studien – so etwa im Errichtungsbeschluss des
Zentralrats der Juden vom Mai 1979[11],
wenn es dort unter anderem heißt: „[...] im festen Willen zur Errichtung eines Zentrums jüdischer
und judentumskundlicher Ausbildung in Deutschland, das an die großen
Traditionen der Zeit vor der Katastrophe anknüpft; aus dem Wunsch heraus, auf
deutschem Boden die Möglichkeit der Weiterreichung und Weiterbildung jüdischen
Wissens und jüdischen Forschens zu fördern“. Ein unglaubliches und kaum zu
ermessendes Bekenntnis der Judenheit in Deutschland
Das alles sollte nach dem Grundkonzept
der Hochschule
für Jüdische Studien
von Anbeginn an im permanenten und dichten Dialog mit der Universität
Heidelberg, also mit Nichtjuden geschehen; die neue Hochschule war als
gegenüber ihrer Umwelt, insbesondere zu ihrer akademischen Umgebung hin weit
geöffnet gedacht – ein Vertrauensvorschuss, um eine tiefe Wunde zu heilen, und
ein Angebot der Juden in Deutschland zur Zusammenarbeit und auch zum
Zusammenleben, wie es nach dem katastrophalen Untergang der ehemals beginnenden
deutsch-jüdischen Symbiose hochherziger nicht vorstellbar ist. Oder besser noch
in den Worten des Landesrabbiners Dr. Levinson aus Anlass der Eröffnung der Hochschule für Jüdische Studien im Oktober 1979: „Dem Ungeist kann nur
der Geist entgegengesetzt werden, der Entfremdung die Nähe, der Entzweiung die
Zwiesprache“[12].
Der Ruprecht-Karls-Universität und ihren
Angehörigen ist stellvertretend für alle Deutschen von ihren jüdischen
Mitbürgern mit der Hochschule
für Jüdische Studien
eine Schwester zur Pflege und behutsamen Sorge um Aufwuchs anvertraut worden –
ein Pfund, das gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Diese Hochschule
hat die Universität wie ihren eigenen Augapfel zu hüten. Denn in der HfJS steht der „Tisch“,
dessen Verlust Fania Oz-Salzberger in ihrem wunderbaren Vortrag „The hopes of
Heidelberg“[13]
von diesem Pult aus so schmerzlich beschrieben und dessen Wiedererrichtung sie
ebenso eindringlich wie hoffnungsvoll beschworen hat: „Gone, too, was the Tisch.
No more Yiddish or Hebrew was to be heard in Heidelberg’s wine houses.
Tschernichowsky’s youthful joy of life, his blend of Eros and learning, his
sensual love of Europe, his quest for ancient, simple delights, are all lost to
Hebrew culture for good. No
poet writes of joy any more.
Gone is the intimate cohabitation of former Europeans, Jews and
Christians, Germans and Russians. Gone are the wine, the conversation, the
twinkling eyes, the tickling of intellectual exchange, the quotations from
Goethe by heart.”
Und dann die
eindringliche Bitte, ja: der beschwörende Appell: “The time has come for us to
look for that long-lost Tisch. To set it up again, if only we can,
between Germans and Jews. Between Europeans and Israelis. … I am here, to ask
for your help. We need all your help in order to keep the best ideas of
Heidelberg – the best ideas of Europe and its Jews – afloat in Israel today.
The freedom, the rationality, the open-minded scholarship, the independent
judiciary, the rule of law. Above all, the universal values cherished by my
uncle (Professor Joseph Klausner) and his generation: Judaism and Humanity. The
solid moral and human ground common to all great cultures. We must keep these hopes alive today,
because they are not only Heidelberg’s best hopes, cruelly betrayed but
wonderfully alive. They are also Israel’s best hopes.”[14]
Die Universität Heidelberg hat die Hochschule für Jüdische Studien, dies Unterpfand des Vertrauens, dies
hochherzige Geschenk wie ihren Augapfel zu hüten versucht. Denn in der HfJS ist
uns der Tisch bereitet - der Tisch zur Begegnung, zum Gespräch, zum gemeinsamen
Feiern, zum Arbeiten und Leben in Gemeinschaft. Deshalb übernahm Rektor zu
Putlitz zusätzlich kommissarisch das Rektorenamt in der Hochschule für Jüdische Studien, bis in Professor Julius Carlebach, in
meiner Heimatstadt Hamburg geboren und in England der Katastrophe entkommen,
1989 ihr neuer Rektor gefunden werden konnte. Deshalb haben viele Angehörige
der Ruperto Carola, tatkräftig unterstützt von Beamten des Stuttgarter
Wissenschaftsministeriums, angepackt, als die Hochschule vor einigen Jahren
erneut in schwere See geriet – an ihrer Spitze Professor Oeming von der
Theologischen Fakultät als Prorektor der Hochschule und Altkanzlerin Gräfin vom
Hagen. Heute steht die Hochschule
für Jüdische Studien
als kleine und feine, vor allem aber: als normale Universität in Deutschland
da; sie schöpft ihre Kraft und ihr Ansehen zu nicht geringem Teil aus dichtem
Netzwerk mit der Universität Heidelberg. Das erfüllt die große Schwester mit
Freude, Stolz und Dankbarkeit. Acht besetzte Lehrstühle und als Erster
Prorektor in Nachfolge des hochangesehenen Rektors Graetz Professor Bodenheimer, ein wissenschaftlich
ausgewiesener Jude, von dem wir alle hoffen, dass er recht bald zum Rektor
avancieren wird; dies alles schafft die Voraussetzungen für das eigene
Habilitationsrecht der Hochschule und zudem für deren Aufnahme in die
Hochschulrektorenkonferenz und in die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Wenn die
Universität Heidelberg ihre Schwester auf diesem Weg zum Erfolg begleiten kann,
dann haben wir dies 1979 anvertraute Kind,
dies wunderbare Geschenk wohl mit angemessener Sorge volljährig werden lassen
geholfen.
Und dafür soll ich, hochverehrter Herr
Präsident Spiegel und hochverehrter, lieber Herr Korn, auch noch mit dem
Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet werden? Natürlich bin ich überaus glücklich und
tief dankbar; aber entgegennehmen konnte und
durfte ich diese glänzend ehrenvolle Auszeichnung nur stellvertretend –
stellvertretend für alle Universitätsangehörigen und Beamten des Landes
Baden-Württemberg, die zusammen mit mir zutiefst davon überzeugt sind, dass die
Hochschule
für Jüdische Studien
eine tragende Säule in den deutsch-jüdischen Beziehungen werden und auf alle
künftigen Zeiten bleiben muss. Mit ihnen allen will ich die Ehre dieser Auszeichnung
teilen – in der Hoffnung, am gemeinsamen Tisch auch die Erinnerung an Max
Hachenburg wach halten zu können und damit in den Köpfen und Herzen junger
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zugleich die Erinnerung an
Entrechtung, Vertreibung und Ermordung der Juden in Deutschland und Europa.
Erlauben Sie mir bitte, Herr Präsident
Spiegel, eine bescheidene Gegengabe. Mein Onkel und ich, wir glauben ganz im
Sinne meiner Großmutter zu handeln, wenn wir heute der Hochschule für Jüdische Studien ein Kohleporträt aus unserem
Familienbesitz übergeben, das der vorhin erwähnte Ludwig Meidner 1931 von Leo
Baeck angefertigt hat. Dem Künstler wäre es gewiss auch recht gewesen.
[1] Zu den Lebensdaten Hachenburgs s. Kleindiek, Neue Juristische Wochenschrift 1993, S. 1295 m.w.N.
[2] S. dazu auch den letztjährigen Träger des Leo Baeck-Preises, Bundesaußenminister Fischer: Wer wissen will, was wir verloren haben, ...der wird darauf... die Antwort finden... in den Bibliotheken, in den Archiven, in den Erinnerungen der Überlebenden in den Altenheimen in Tel Aviv und Jerusalem, in New York und Chicago, in Sao Paulo und Buenos Aires, in Kapstadt und Sydney.
[3] Dazu Korn, Zwischen allen Stühlen, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.03.2005, Nr. 73, S. 8.
[4] Eindringlich Zutt in: Westermann, Das Verhältnis von Satzung und Nebenordnungen in der Kapitalgesellschaft – Erste Max Hachenburg-Gedächtnisvorlesung, 1994, S. 15.
[5] Abgedruckt in: Max Hachenburg, Lebenserinnerungen eines Rechtsanwalts und Briefe aus der Emigration, 1978, S. 214.
[6] Aufschlussreich der Brief, den Hachenburg 1930 an den Vizepräsident des Deutschen Anwaltvereins Joseph Becker richtete und ihn beschwor, mit der Wiederwahl des (jüdischen) Präsidenten keine antijüdischen Reaktionen zu provozieren (s. Oppenhoff, aaO. (Fn. 4), S. 22; dazu auch Kleindiek, aaO. (Fn. 1), S. 1301).
[7] Zu ihm u.a. Grochowiak, Ludwig Meidner, Recklinghausen, 1966 sowie die Beiträge in: Breuer/Wagemann (Hrsg.), Ludwig Meidner, Stuttgart 1991.
[8] Memorandum über die Einrichtung eines jüdisch-theologischen Instituts vom 4. Mai 1972, Generalakten der Universität Heidelberg Nr. 6981 1. Akte.
[9] Ihr Lebenslauf findet sich in den Generalakten der Universität Heidelberg Nr. 6981 1. Akte.
[10] Ruperto-Carola Band 42, S. 18 ff.
[11] Niedergelegt in den Generalakten der Universität Heidelberg Nr. 6981 3. Akte.
[12] Zitat aus dem Bericht zur Eröffnung der HJS, Heidelberger Tagblatt vom 17.10.1979.
[13] Abgedruckt in Hommelhoff (Hrsg.), Ruprecht-Karls-Universität, Jahresfeier 2003, S. 36 f.
[14] Fania Oz-Salzberger, Heidelberg’s Hope: An Inaugural Lecture delivered at the Opening Ceremony of the Academic Year, October 19, 2003, Ruprecht Karls University of Heidelberg. Die Rede wird 2006 im Rahmen einer Aufsatzsammlung im Suhrkamp-Verlag erhältlich sein.
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