Grußwort Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

Ich begrüße Sie alle herzlich in den prächtigen Räumlichkeiten der Universität Heidelberg zur Verleihung des Leo-Baeck-Preises 2005. In diesem Jahr werden Sie alle Zeugen einer Premiere. Traditionsgemäß nehmen die Preisträger die Ehrung in Berlin entgegen. Heute jedoch wird der Leo-Baeck-Preis dem Preisträger an dessen Wirkungsstätte überreicht! Diese Ehre wurde vor Ihnen, verehrter Prof. Hommelhoff, noch keinem Preisträger zuteil. Wenn allerdings etwas von dem hoffentlich von dieser Preisverleihung ausgehenden Glanz auch auf die Hochschule für Jüdische Studien abfiele, dann wäre dies eine schöne, nicht unerwünschte Begleiterscheinung!

Leo Baeck war Rabbiner, er war Religionsphilosoph, er lehrte als Dozent an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin und nach seiner Emigration aus Deutschland 1945 an verschiedenen Instituten in Europa und den USA. Als geistiges Oberhaupt der deutschen Juden in den Jahren der Verfolgung versuchte er, zur Verbesserung ihrer Lage beizutragen – auch in der Zeit seiner Gefangenschaft im Ghetto Theresienstadt. Diese biografischen Stationen und offiziellen Titel mögen noch so beeindruckend sein und Leo Baeck als einen der wichtigsten Denker und religiösen Lehrer des vergangenen Jahrhunderts ausweisen, doch sagen sie wenig über ihn als Mensch aus. Vor allem aber geben diese biografischen Daten nicht wieder, welche geradezu emotionale Beziehung wir Juden zu Leo Baeck haben.

Warum sein Erbe und Andenken eine so große Bedeutung für uns hat, wurde von keinem Geringeren als Albert Einstein sehr treffend und einfühlsam zusammengefasst. In einer Geburtstagsadresse zum 80. Geburtstag von Leo Baeck im Mai 1953 gesteht Einstein ein, dass ihm zwar ein tieferes Verständnis für die Mentalität der Rabbiner versagt geblieben sei. Diese Tatsache minderte jedoch nicht seine Hochachtung und Verehrung speziell für Baeck: „Was dieser Mann den in Deutschland gefangenen und den sicheren Untergang entgegensehenden Brüdern geworden ist,“ so Einstein im Rückblick auf die Rolle Leo Baecks in den Jahren des Holocaust, „kann der in dem Gefühl äußerer Sicherheit Dahinlebende nicht voll begreifen. Er verstand es als selbstverständliche Pflicht, in dem Lande ruchloser Verfolgung auszuharren, um seinen Brüdern bis zuletzt eine seelische Stütze zu sein.

Keine Gefahr scheuend, unterhandelte er mit den Vertretern einer aus ruchlosen Mördern bestehenden Regierung und wahrte in jeder Situation seine und seines Volkes Würde. […] Anmutige Schlichtheit ist ihm angeboren und ein intuitives Verständnis für die menschliche Natur mit all ihren Höhen und Tiefen.

Die tiefe Einsicht in die menschlichen Motive kann leicht zu Skepsis, ja zu einer zynischen Einstellung den Menschen gegenüber führen, wenn sie nicht mit angeborener Güte verbunden ist. In dieser Vereinigung liegt der ganze Charme einer einzigartigen Persönlichkeit. Ich habe erlebt, wie sich bei Dr. Baeck diese wunderbare Anlage bei anscheinend unerheblichen Anlässen wie etwas Selbstverständliches entfaltet hat. Wahrhaft menschlich zu sein, ist doch das Höchste, was einem Menschen beschieden sein kann.“

Das von Einstein so eindrücklich beschriebene „wahrhaft Menschliche“ ist es denn auch, das der Zentralrat der Juden in Deutschland mit der Verleihung des Leo- Baeck-Preises sichtbar machen möchte.

Allen bisherigen Preisträgern ist gemein, dass sie als Botschafter und Multiplikatoren einer „wahrhaft menschlichen“, von Toleranz und Mitmenschlichkeit geprägten Haltung in Erscheinung getreten sind. Das ist das Wesentliche.

Zugleich sind mit diesem Preis Dank und Anerkennung verbunden für das engagierte Eintreten gegen die Geißel des Antisemitismus und für das Bemühen, die Erinnerung an das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte, den millionenfachen Mord an unschuldigen Menschen, wach zu halten. Wie ein Blick auf die Liste der in den vergangenen 49 Jahren mit dem Leo-Baeck-Preis Geehrten beweist, ist ein solches Agieren nicht einer bestimmten Berufsgruppe zuzuordnen. Gleichwohl handelt es sich mehrheitlich um Personen, die in der Öffentlichkeit stehen und aus Sicht des Zentralrats eine besondere Geste der Ehrung dafür verdienen, dass sie sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Wer den Leo-Baeck-Preis erhält, hat – aus Sicht des Zentralrates der Juden in Deutschland – Vorbildliches geleistet und soll in seinem Tun bestärkt werden.

Alle Wissenschaft ist nur eine Verfeinerung des Alltags“, dieses Zitat könnte von Leo Baeck stammen und gäbe noch dazu ein passendes Motto für die heutige Preisverleihung ab. Zufällig stammt es jedoch auch von Albert Einstein. Es leitet elegant über in die Welt der Wissenschaft und Forschung, in der unser diesjähriger Preisträger, der Rektor der Universität Heidelberg, Professor Peter Hommelhoff, eine beeindruckende wissenschaftliche Karriere absolviert hat. In seinen Forschungsgebieten, dem Bürgerlichen Recht, dem Handels- und Wirtschaftsrechts sowie der Rechtsvergleichung, erwarb er sich auch international höchste Anerkennung und erhielt zahlreiche Würdigungen für seine Leistungen.

Ich bekenne mich dazu, kein Fachmann in Sachen Rechtswissenschaft zu sein.

Als Angehöriger einer in Deutschland auch 60 Jahre nach Kriegsende noch von Gewalt bedrohten, steten Beleidigungen ausgesetzten Minderheit darf ich mich jedoch zu denjenigen Fachleuten zählen, die über eine ausgeprägte Wahrnehmung für antisemitische Untertöne und jede Form von Diskriminierung verfügen. Gepaart ist diese Eigenschaft mit einem Blick für Menschen, die sich aus Mitmenschlichkeit und Verantwortung gegenüber der Geschichte aufrichtig mit den Sorgen und Anliegen der in Deutschland lebenden Juden auseinandersetzen.

Mit Professor Hommelhoff ehrt der Zentralrat der Juden in Deutschland eine Person, die sich aus historischem Bewusstsein und ehrlicher Betroffenheit über das Schicksal der Juden während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft seit vielen Jahren darum bemüht, zur Belebung jüdischen Lebens in Deutschland beizutragen.

Im Mittelpunkt seiner Anstrengungen steht die seit 1979 in Heidelberg ansässige Hochschule für Jüdische Studien, deren Kuratorium Prof. Hommelhoff angehört.

Eine Einrichtung, die für die in Deutschland lebenden Juden, von besonderer Bedeutung ist. Zum einen, weil sie die Möglichkeit eröffnet, jüdische Wissenschaften in ihrer ganzen Breite und Vielfalt zu studieren. Zum anderen jedoch, weil sie wie kaum eine andere Einrichtung des nach dem Krieg wieder in Deutschland ansässig gewordenen Judentums die Hoffnung auf eine Zukunft in Deutschland verkörpert. Ausdruck dessen ist die Zielsetzung der Hochschule, dem für das Überleben der jüdischen Gemeinden notwendige Personal eine akademisch erstklassige Ausbildung zu ermöglichen. Ein Ziel, das in den vergangenen 26 Jahren erfreulicherweise verwirklicht werden konnte.

Großen Anteil daran hatte in den vergangenen Jahren insbesondere auch Prof. Hommelhoff. Die reibungslos funktionierende Kooperation mit der ehrwürdigen Ruperto Carola hat das wissenschaftliche Profil der HfJS erheblich gestärkt.

Die Tatsache, dass die Hochschule für Jüdische Studien ebenso über das Recht zur Promotion wie über die Ausbildungsmöglichkeiten für Rabbinerinnen und Rabbiner sowie staatlich anerkannte Religionslehrerinnen und -lehrer verfügt, steigert die Attraktivität dieser Lehrstätte zusätzlich. Im Rahmen seines Amtes als Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz wird sich Prof. Hommelhoff dankenswerterweise auch für das Recht zur Habilitation einsetzen. Ihm liegt daran, die Hochschule für Jüdische Studien fest und gleichberechtigt in der deutschen Hochschullandschaft zu etablieren.

Dieses ehrenwerte Anliegen ergänzt sich mit den Plänen des Zentralrates der Juden in Deutschland in seiner Funktion als Träger der Hochschule für Jüdische Studien.

In allen zuständigen Gremien des Zentralrats herrscht große Übereinstimmung darüber, dass es aufgrund der seit Jahren überdurchschnittlichen Forschungsleistungen der HfJS und nicht zuletzt auch angesichts des durch die Zuwanderung so enormen Anwachsens der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland geboten erscheint, die Hochschule stärker bekannt zu machen. Der Zentralrat hat zur Verwirklichung dieses Anliegens eine Vielzahl von Konzepten erarbeitet. Entsprechend groß ist auf unserer Seite die Freude über die Unterstützung, die der Zentralrat in so engagierter Weise sowohl vom Rektorat der Universität Heidelberg als auch seitens aller anderen Fakultäten erfährt.

Erlauben Sie mir, an dieser Stelle auch ein Wort an den Vorsitzenden des Kuratoriums der Hochschule für Jüdische Studien zu richten, meinen Freund und Kollegen im Präsidium des Zentralrates der Juden in Deutschland, Herrn Dr. Salomon Korn.

Lieber Salomon, im Namen des Zentralrates, aber auch ganz persönlich danke ich Dir für Deinen Beitrag zur Weiterentwicklung der Hochschule für Jüdische Studien, Deine konzeptionellen Vorschläge und nicht zuletzt den mit diesem Engagement verbundenen Zeitaufwand.

Ausdrückliche Erwähnung verdient an dieser Stelle auch der Erste Prorektor der HfJS, Herr Prof. Alfred Bodenheimer, der der Hochschule bereits als Dozent verbunden war und Ende November sein neues Amt angetreten hat. Auch er hat durch Worte und Taten längst unter Beweis gestellt, wie sehr ihm die Geschicke seiner Wirkungsstätte am Herzen liegen.

Mit Blick auf die handelnden Personen, die hervorragende fachliche Qualifikation des Lehrkörpers und den Zuspruch seitens der hoch motivierten Studierenden lässt sich festhalten: Die Voraussetzungen, um in Heidelberg ein – wie Professor Bodenheimer es jüngst formuliert hat – „europäisches Kompetenzzentrum für jüdische Studien“ entstehen zu lassen, könnten nicht besser sein!

Während des Bundestagswahlkampfes war in den Medien häufig von „einem Professor aus Heidelberg“ die Rede. Neben Prof. Paul Kirchhoff gibt es ab heute noch einen weiteren „Professor aus Heidelberg“, der es in höchstem Maße verdient hat, dass ihm und seinem Wirken Aufmerksamkeit zuteil wird. In diesem Sinne gratuliere ich Ihnen, verehrter Prof. Hommelhoff, recht herzlich zur Verleihung des Leo-Baeck-Preises 2005 – und übergebe das Wort an den Laudator der heutigen Preisverleihung, Herrn Dr. Salomon Korn!

Ich danke Ihnen.


Es gilt das gesprochene Wort