04.12.2005

Verleihung des Nelly-Sachs-Preises 2005, Rathaus Dortmund

Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Dr. h.c. Paul Spiegel

Es gilt das gesprochene Wort!

Aharon Appelfelds umfangreiches Werk gleicht einem Mosaik: Jeder einzelne Stein ist eine Kostbarkeit für sich. Zusammengenommen fügen sich die Texte zu einem gleichermaßen erschütternden wie durch seine sprachliche und moralische Kraft beeindruckenden Beispiel moderner Erinnerungsliteratur. Wirklich Erlebtes wird in den Büchern Aharon Appelfelds meisterlich mit Erdachtem verwoben. Bis heute verfolgen den Autor bruchstückhaft in Erinnerung gebliebene Situationen aus seiner Kindheit. Unauslöschlich sind all die Sinneserfahrungen in sein Gedächtnis eingebrannt, die er als siebenjähriges Kind in den Jahren der Flucht und des Überlebenskampfs in den ukrainischen Wäldern sammelte. Mit Hilfe der von ihm geschaffenen Romanfiguren kreist Aharon Appelfeld die Erinnerung an das Unfassbare ein und blickt aus verschiedenen Perspektiven auf das Geschehene zurück. Sein Schreiben ist der immer wieder neu unternommene Versuch, die Empfindungen eines verfolgten, in Todesangst lebenden jungen Menschen in Worte zu fassen. Mit seinem Bemühen, Worte für das Unbeschreibliche zu finden, hilft Aharon Appelfeld nicht nur sich selbst, um die zuweilen übermächtige Erinnerung zu zähmen, sondern gibt den Millionen namenloser Opfer der nationalsozialistischen Judenvernichtung und insbesondere den Kindern unter ihnen eine Stimme. Ob seine Romane „Alles, was ich liebte“ oder die „Geschichte eines Lebens“, um nur zwei Beispiele seines umfangreichen Schaffens zu nennen, immer hat mich die Lektüre seiner Bücher sehr berührt und viele, stellenweise zu viele düstere Erinnerungen geweckt. Doch so aufwühlend die Lektüre der Bücher Aharon Appelfelds für Überlebende wie alle anderen Leserinnen und Leser auch sein mag, so dankbar bin ich dem Autor, dass er sein Schreiben nicht auf die Abfassung von Tagebüchern beschränkt hat, sondern vor rund 30 Jahren mit seinen ersten Texten den Schritt in die Öffentlichkeit wagte. Der Nelly Sachs - Literaturpreis der Stadt Dortmund ist der erste Preis, den Aharon Appelfeld für sein Werk in Deutschland bekommt. Es freut mich, dass sein Werk endlich auch hier eine angemessene Würdigung erfahren hat. Herzlichen Glückwunsch, lieber Herr Appelfeld, zu dieser hoch verdienten Auszeichnung! Folgendes Zitat könnte einem Interview mit unserem Preisträger entnommen sein: „Ich empfinde mich nicht als zweisprachig. Im Gegenteil war die deutsche Sprache für mich die Heimat, die ich mitnehmen durfte – Böses und Gutes, mein ganzes Leben, ist mit dieser Sprache verknüpft (…)“. Auch für Aharon Appelfeld war die deutsche Sprache zeitlebens von geradezu überlebenswichtiger Bedeutung. Das Deutsche war für ihn weit mehr als die im Elternhaus erworbene Sprache. Es entwickelte sich zum Synonym eines ganz besonderen sprachlichen Austauschs zwischen ihm und seiner innig geliebten Mutter. Diese besondere „Mutter-Sohn-Sprache“ trug der Sohn in sich, seit er im Alter von sieben Jahren von seiner Mutter getrennt wurde. Im Laufe der ersten Jahre nach seiner Einwanderung nach Palästina gingen ihm die deutschen Vokabeln verloren, nicht jedoch sein durch die Mutter und deren Sprache geprägtes Denken und Empfinden. Schmerzhaft und belastend bleibt, so Appelfeld in der „Geschichte eines Lebens“, dass „die Sprache meiner Mutter die Sprache ihrer Mörder (war)“. Nicht nur für Aharon Appelfeld war „Böses und Gutes“ mit seiner Muttersprache verknüpft, sondern auch für Nelly Sachs, von der das eben genannte Zitat stammt. Beide Autoren weisen in ihrem Umgang und ihren Gefühlen gegenüber der Muttersprache und den später im Leben angeeigneten Sprachen große Ähnlichkeiten auf. Nelly Sachs, die 1940 gemeinsam mit ihrer Mutter nach Schweden fliehen konnte, erhielt 1952 offiziell die schwedische Staatsbürgerschaft, legte jedoch nie die Gewohnheit ab, in schwedisch und deutsch zu schreiben. Dieser Umgang mit der Mehrsprachigkeit ist an sich nichts Ungewöhnliches, wäre sie im Falle von Nelly Sachs und Aharon Appelfeld nicht untrennbar mit den traumatisierenden Erlebnissen in den Jahren des Holocaust verbunden. Während Mehrsprachigkeit gemeinhin als eine besondere, ja beneidenswerte Fähigkeit empfunden wird, gibt es unter den Überlebenden der Shoah viele, die diese Gabe geradezu verfluchen. Schließlich sind die zusätzlichen Sprachkenntnisse nicht durch freiwilliges Lernen erworben worden, sondern fast immer unter Zwang, in Todesangst oder aus Überlebenswillen. Die eigene Mehrsprachigkeit konfrontiert die überlebenden Opfer mit der Erinnerung an Flucht oder Deportation, an die Zeit der Sprachlosigkeit und das Herausgerissenwerden aus der geborgenen Welt der Muttersprache. Eindringlich beschreibt Aharon Appelfeld, wie der Kampf um die Bewahrung der Muttersprache nach der Befreiung fortdauerte. So problemlos der Spracherwerb in der neuen Heimat Palästina war, so unvorstellbar schien es, das Hebräische zur Muttersprache werden zu lassen. Hilflos spürte er, dass das neue Leben die Sprache seiner Mutter verdrängte: „Als nun ihre Sprache in mir verlosch, spürte ich, dass meine Mutter ein zweites Mal starb.“ Dieses Leiden an der Sprache, das Ringen um eine neue Sprache, in der es sich leben, denken und fühlen lässt, dieses von Aharon Appelfeld beschriebene Abstürzen in völliges Verstummen, in Schweigen und mühsames Sprechen lernen in fortgeschrittenem Alter – all das zählt zu den unzähligen, die Überlebenden schwer belastenden Langzeitfolgen des Holocaust. Folgen, die gleichwohl weitgehend unbeachtet blieben oder unterschätzt wurden. Es zählt zu den Stärken und Verdiensten Aharon Appelfelds, diesen Aspekt der Vergangenheitsbewältigung benannt und mit Hilfe einer poetischen Sprache auf besondere Weise durchdrungen und den Leserinnen und Lesern vermittelt zu haben. Wie Nelly Sachs in ihren Gedichten verdeutlicht Appelfeld die Dimension des Holocaust nicht dadurch, dass er die Jahre der Diskriminierung, Flucht und Verfolgung chronologisch als eine Aneinanderreihung von Fakten und Zahlen dokumentiert. Ihre Wirkung erzielen die Werke beider Autoren vielmehr dadurch, dass sie einen Einblick in die Gefühlswelt der geschundenen, gedemütigten oder zu Tode gequälten Kinder, Frauen und Männer vermitteln. Sein Schreiben sei der Versuch, so Aharon Appelfeld, “durch den Einzelnen und in seiner Sprache die Ereignisse für sich sprechen zu lassen und zu verhindern, dass das Leiden hinter den riesigen Zahlen verschwindet und dadurch eine schreckliche Anonymität bekommt. Es geht darum, die Namen der Menschen zu retten, den Folteropfern ihre menschliche Gestalt zurückzugeben, die man ihnen genommen hatte.“ Eine Art Seelenverwandtschaft beider Schriftsteller spiegelt sich zudem in ihrem einfühlsamen Blick für das Schicksal der Zurückgekehrten wider. Immer wieder fühlt sich der Leser bei der Lektüre von Aharon Appelfelds „Geschichte eines Lebens“ an das von Nelly Sachs verfasste Vermächtnis der „Geretteten“ erinnert. Wie Sachs in ihrem Gedicht „Chor der Geretteten“ appelliert auch Aharon Appelfeld mit Hilfe seiner Skizzen aus den Lagern für „Displaced Persons“ an die Leserinnen und Leser, das Schicksal der aus den Todeslagern befreiten Häftlinge wahrzunehmen. Körperlich und seelisch vernichtet, mittellos, vielfach ihres Besitzes enteignet, ohne Ausweispapiere und zumeist mit der Gewissheit, dass auch Familienangehörige ermordet worden waren, standen diese Menschen vor dem Nichts. Wer nicht emigrieren konnte, musste weiterhin in Lagern, hinter Stacheldraht und beaufsichtigt von uniformierten Wärtern ausharren. Auch Primo Levi hat dieses bis heute unzureichend beachtete Kapitel der Nachkriegsgeschichte in seinem autobiographischen Roman „Die Atempause“ aufgegriffen: „Die Freiheit, die unwahrscheinliche und unmögliche Freiheit (…) war da,“ erinnert sich Levi an sein Schicksal als Auschwitz-Überlebender, „aber das Gelobte Land hatte sie uns nicht gebracht. Sie umgab uns, aber nur in Gestalt einer trostlosen, verlassenen Ebene. Andere Prüfungen, erwarteten uns, andere Anstrengungen, anderer Hunger, andere Kälte, andere Ängste.“ Als ich die den Überlebenden gewidmeten Passagen in der „Geschichte eines Lebens“ jetzt erneut las, kamen mir die vielen Gespräche wieder in den Sinn, die ich in diesem Jahr anlässlich der Feiern zum 60. Jahrestag der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager mit überlebenden Opfern geführt habe. Unter den Überlebenden und Zeitzeugen, von denen eine große Zahl anlässlich der zentralen Gedenkveranstaltungen aus dem Ausland angereist war, kam zwangsläufig auch die Situation in den Lagern für „Displaced Persons“ zur Sprache. Mit Grauen erinnerten sich beispielsweise Überlebende des Konzentrationslagers Bergen-Belsen an die Zeit nach der Befreiung, als das Sterben unter den Häftlingen noch Wochen lang fortdauerte. Rund 14.000 Männer, Frauen und Kinder starben bis Ende Juni 1945 an den Folgen der Haftbedingungen. Die Mehrheit derer, die überlebten, fanden sich in dem von den Briten eingerichteten „Camp Hohne“ wieder, das in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers lag. Die traumatischen Erinnerungen an die Haftzeit im KZ und die Unterbringung im DP-Lager verschmolzen im Falle der Geretteten von Bergen-Belsen zu einem fließend ineinander übergehenden, qualvollen Lebensabschnitt.

Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Gedenkveranstaltungen zeigten sich sowohl beeindruckt als auch besorgt über die Situation in Deutschland. Bei allem Vertrauen in die inzwischen erreichte Stabilität der deutschen Demokratie waren die hoch betagten Frauen und Männer zugleich irritiert angesichts regionaler Wahlerfolge der Rechtsextremen oder Meldungen über rechte Straftaten. Deutlich spürbar war die Bedrückung darüber, dass das eigene Schicksal und das der qualvoll umgekommenen Lagerkameraden in Teilen der deutschen Bevölkerung negiert oder verharmlost wird. Gerne hätte ich sowohl die aus dem Ausland angereisten Überlebenden als auch Sie, verehrter Herr Appelfeld, mit der Botschaft begrüßt, dass der Antisemitismus in Deutschland seit Jahren rückläufig ist, kaum Gewalttaten zu vermelden sind und die Sicherheitsvorkehrungen an jüdischen Einrichtungen schon seit längerem Schritt für Schritt verringert werden. Leider sind derartige Meldungen nur Fiktion. Die Realität in Deutschland sieht anders aus: Die Zahlen der Sicherheitsbehörden weisen erneut eine weitere Steigerung rechtsextremistischer Straftaten aus. Und auch die hohen Besucherzahlen an Gedenkorten wie dem im Mai eröffneten Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin können nicht darüber hinweg täuschen, dass der Antisemitismus in viel zu vielen Köpfen fortlebt und sich häufig genug auf brutale Weise Bahn bricht. So oft es Situationen gibt, in denen ich die Sorgen der Überlebenden teile, so sehr glaube ich nicht zuletzt an die Kraft von Büchern wie den Ihren, verehrter Herr Appelfeld. Und ich setze, ja ich muss auf Menschen setzen, die sich durch Zuhören und Lesen, in Gesprächen und Initiativen, im Unterricht, im Bereich der Politik oder privat mit der Vergangenheit auseinandersetzen und mithelfen, die Erinnerung an die Millionen Opfer des Holocaust wach zu halten. Ich baue auf Menschen, die durch ihr historisches Bewusstsein dazu beitragen, die Demokratie weiter zu stärken, die Stellung gegen rechte Parolen beziehen und die Anliegen der Angehörigen von Minderheiten im Auge behalten. In diesem Sinne wünsche dem diesjährigen Preisträger des Nelly Sachs-Preises auch in Zukunft viele Leserinnen und Leser! Nochmals herzlichen Glückwunsch! Ich danke Ihnen.