02.12.2005

Zur geplanten Schaffung eines Vertriebenenzentrums in Berlin

"Die gegenwärtige Diskussion über die Schaffung eines Vertriebenenzentrums in Berlin geschieht zum falschen Zeitpunkt", so der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel.

"Bundeskanzlerin Merkel ist angetreten, berechtigte Ängste bei unseren osteuropäischen Nachbarn Polen und Tschechien abzubauen und Vertrauen in die deutsche Politik zu verstetigen.

Das vorliegende Konzept für ein Vertriebenenzentrum in Berlin bietet dafür keine hinreichende Grundlage, denn es ist nicht zu erkennen, wie eine angestrebte Einbettung in den europäischen Kontext erreicht werden soll.

Es ist völlig legitim und längst überfällig, auch der deutschen Opfer von Vertreibung und Krieg zu gedenken. Ein solches Gedenken darf jedoch keinesfalls der Versuchung erliegen, die nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen zu relativieren oder auch nur den Hauch eines Eindrucks aufkommen zu lassen, dass hier Opfer- und Täterrollen beliebig ausgetauscht werden", so Spiegel besorgt.

"Wir müssen schon seit Jahren in der Gedenkstätten- und Erinnerungspolitik einen gefährlichen Paradigmenwechsel feststellen" stellt der Vizepräsident des Zentralrats und Gedenkstättenbeauftragte Dr.
Salomon Korn fest. "So verstärkt sich eine gewisse Waagschalenmentalität, indem nationalsozialistische und kommunistische Diktatur vergleichend nebeneinandergestellt werden. Dadurch wird weder den Opfern der einen noch der anderen Diktatur Gerechtigkeit zuteil", so Korn weiter.

Wir brauchen eine breitangelegte, wissenschaftliche Grundsatzdiskussion, um ein umfassendes und nachhaltiges Erinnerungs- und Gedenkstättenkonzept gemeinsam zu erarbeiten, bekräftigen sowohl Spiegel wie auch Korn. "Nichts ist schlimmer als voreilige Schnellschüsse, die das im In- und Ausland berechtigt gewachsene Vertrauen unnötig verspielen", so Spiegel abschließen
d.

Berlin, den 02. Dezember 2005