4. Jahrgang Nr. 3 / 19. März 2004 - 26. Adar 5764

PESSACH – vom Fest der Freiheit

Zum bevorstehenden Feiertag macht sich Landesrabbiner a. D., Dr. Joel Berger, Gedanken über „Matzot“ und „Mitzwot“

Zukunft 4. Jahrgang Nr. 3
Zukunft 4. Jahrgang Nr. 3

Das Pessach- Fest, das uns seit der biblischen Zeit an den Auszug unserer Ahnen aus dem Sklavenhaus Ägyptens erinnert, ist mit vielen rituellen Vorschriften und Verhaltensregeln verbunden. Die Weisen Israels meinten, wenn man sich alljährlich an diese hielte, man letzten Endes auch das wichtigste Erlebnis der Väter, die g-ttliche Befreiung, nicht vergessen oder verdrängen würde.

Der verbreitete Name dieses Festes, „Pessach“, trifft nicht für alle acht Tage zu. Wir nennen es „ChagHamatzot“ - das Fest der ungesäuerten Brote. Der Grund für diese Bezeichnung ist, dass das Brot des Festes, die „Matza“ (plural Matzot) uns als Hauptspeise, sozusagen als „täglich Brot“, während der acht Tage begleitet. Dagegen bezieht sich der Begriff „Pessach“ - die „Überschreitung“ der Häuser der Israeliten in Ägypten durch den Todesboten - auf den ersten Tag des Festes. Man könnte sagen, „Pessach“ sei ein Hinweis auf die Errettung G-ttes an seinen unterdrückten, versklavten jüdischen Kindern in Ägypten. Ein einmaliges, für jeden von uns unwiederholbares und unnachahmbares Ereignis. Die Matzot jedoch kann sich ein jeder selbst backen, kaufen oder besorgen, um sie an allen acht Tagen genießen zu können.

Die Beschreibung der Matzot als „Brot des Elends“ steht zum einen für die Pflicht an das Gedenken der einstigen Not. Zum anderen ist es Erinnerung an die Hast des Auszuges, an die eilige Befreiung. Diese immer wieder kehrende Erinnerung sollte die Israeliten davor bewahren, zu glauben, dass der jetzige Zustand der Freiheit ein immer und ewig währender sei. Es sollte vergegenwärtigt werden, dass er nur aus der Not heraus entstanden war. Diese Not müsse man sich - auch in Zeiten des eigenen Wohlergehens - vor Augen halten, um nicht durch Sättigung und Überfluss, mit den Gütern verschwenderisch umzugehen und um stets offen zu sein für die Not anderer.

Die Erinnerung an das Geschehene ist demnach eine Verpflichtung. Die Erinnerung muss nur einen „Auslöser“ haben – z. B. die Matza. Das Gedächtnis kann mit der Zeit schwächer werden, der Magen aber ist ein guter „Erinnerer“.

Zwischen der Herstellung unseres „täglichen Brotes“ und den Matzot des Festes gibt es einen Unterschied: die Motivation. Das Kneten und Backen von Brot ist für den frommen jüdischen Menschen völlig belanglos, wichtig ist nur, dass das Brot keinerlei für ihn verbotene Substanzen beinhalten darf. Ganz anders bei der Matza. Diese aus abgestandenem Wasser und Weizenmehl herzustellen, stellt vor allem eine Mitzwa“ - eine religiöse Pflicht - aus der Tora dar. Eine Mitzwa setzt jedoch die „Kawana“ - eine Motivation - voraus, die in diesem Fall aus der ganz bewusst intendierten Pflichterfüllung besteht. Und diese beherrscht nur der pflichtbewusste, religiöse Mensch. Aus diesem Grunde stellen die besonders gesetzestreuen Männer und Frauen zu Pessach unter Psalmgesängen handgefertigte Matzen her, zumindest für die Seder-Abende, und sprechen - wie befohlen - die Segenssprüche auf die Matzen nach getaner Pflichterfüllung.