Von Ulf Meyer
Wenn Straßen, Boulevards und Promenaden ab Mitte November
festlich geschmückt werden, beginnt die Vorweihnachtszeit. Vom Dach des
jüdischen Museums Berlin leuchten bereits seit Ende Oktober unzählige Lichter
–Hinweis und Einladung zur Sonderausstellung „Weihnukka“, die sich mit dem
alljährlichen „Dezember-Dilemma“ beschäftigt. Der originelle Ausstellungstitel
verrät bereits worum es geht: um einen Vergleich von Chanukka und Weihnachten. Die Kuratoren warten mit Kitsch
und Kuriosem, aber auch mit Hintergründigem zur Kulturgeschichte der
Familienfeste auf.
Die Gemeinsamkeiten beider
Traditionen sind schnell gefunden: Sowohl Weihnachten als auch Chanukka sind
Lichterfeste in der dunklen Jahreszeit - und in diesem Jahr fallen sie, wie nur
fünfmal pro Jahrhundert, kalendarisch
zusammen. Das achttägige Tempelweihfest Chanukka hat
theologisch jedoch nichts mit dem „heiligen Abend“ gemeinsam. Die mit leicht-fröhlicher Hand zusammengestellte Ausstellung versucht
dennoch anhand von über 700 Exponaten nachzuweisen, wie „Kommerzialisierung und
Säkularisierung eine oberflächliche Annäherung beider Feste ermöglicht haben“.
Der Ursprung von Chanukka
(Hebräisch für »Einweihung«) liegt in der Befreiung Jerusalems von der
syrischen Vorherrschaft durch die Makkabäer vor genau 2170 Jahren. Bei der
neuerlichen Weihe des zerstörten Tempels trug sich ehedem das „Ölwunder“ zu:
Das Licht des Tempelleuchters brannte acht Tage lang, obwohl er eigentlich nur
Öl für einen Tag enthielt.
Nach Einbruch der
Dunkelheit werden bis heute die Lichter des Chanukka-Leuchters entzündet – bis
alle acht brennen. Erst seit dem späten 19. Jahrhundert hat Chanukka mehr
Gewicht im jüdischen Festkalender bekommen. Denn die Chanukka-Geschichte
erfüllte eine wichtige symbolische Funktion für die zionistische Bewegung: die
Befreiungskampf der Makkabäer als Vorbild für den Kampf um Unabhängigkeit
deutete.
Und auch das Weihnachtsfest
hat erst in der Biedermeier-Zeit seine Bedeutung als besinnliches Familienfest
bekommen, obwohl man in Deutschland Weihnachten schon seit 813 am 24. Dezember
feiert. En passant klärt das Jüdische
Museum in der Ausstellung auch über die christliche Kulturgeschichte auf: Die weihnachtlichen Traditionen haben sich trotz
aller Umdeutungsversuche während der Nazi-Zeit und zu DDR-Zeiten hartnäckig gehalten. So wurden aus Engeln im
DDR-Volksmund nie wirklich die politisch korrekten „Jahresendflügelpuppen“.
Weihnachtsfeiern mit Baum, Kerzen, Liedern und
Geschenken waren im 19. Jahrhundert für viele deutsch-jüdische Familien ein
Symbol für ihre Zugehörigkeit zum Bürgertum und zur deutschen, christlich
dominierten Mehrheitskultur. Zur kuriosen Vermischungen der Bräuche kam es,
weil viele jüdische Familien ihren Kindern Geschenke und Baum nicht verwehren
wollten. Viele jüdische Familien feierten Weihnachten als säkulares Fest oder
übertrugen weihnachtliche Bräuche auf ihr Chanukka-Fest: Es war die Geburtsstunde
von „Weihnukka“. So entstanden Kippas im Weihnachtsmann-Look, der
Chanukka-Kranz, der verdächtig dem christlichen Adventskranz ähnelte oder
Davidsterne als Backformen. Selbst Theodor Herzl hat den Weihnachtsbaum als
„Chanukka-Baum“ durchgehen lassen. Besondere Verrenkungen sind dafür nicht
nötig, denn fast alle Weihnachtstraditionen - Baum, Weihnachtsmann, Lebkuchen -
haben ohnehin keinerlei christlichen Gehalt.
Auch wenn es in der Ausstellung um die kulturellen Wechselwirkungen und Traditionen beider Feste geht, fehlt es ihr nicht an aktuellen Bezügen: Zu sehen ist beispielsweise auch ein jüdischer-US-Soldat in einem ehemaligen Palast von Saddam Hussein beim Entzünden einer Chanukkia.
Weil beide Feste, Weihnachten und Chanukka, gesellig sind, können die Besucher der interaktiven Ausstellung mit dem Trendel spielen und Türchen im Adventskalender öffnen. Auch einen Latkes-Wettbewerb in Lettland und eine Chanukka-Feier im Weltall kann man medial verfolgen und dabei den berühmten Weihnachtsschlager „White Christmas“ von 1940 hören. Er stammt übrigens von dem jüdischen Komponisten Irving Berlin!
„Weihnukka“, Jüdisches Museum, Lindenstr. 9-14, täglich 10-20 Uhr, montags -22 Uhr. Bis 29. Januar 2006
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