5. Jahrgang Nr. 11 / 25. November 2005 - 23. Cheschwan 5766

Dezember-Dilemma

Was verbindet Weihnachten und Chanukka? Die „Weihnukka“-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin sucht Antworten

Von Ulf Meyer

Wenn Straßen, Boulevards und Promenaden ab Mitte November festlich geschmückt werden, beginnt die Vorweihnachtszeit. Vom Dach des jüdischen Museums Berlin leuchten bereits seit Ende Oktober unzählige Lichter –Hinweis und Einladung zur Sonderausstellung „Weihnukka“, die sich mit dem alljährlichen „Dezember-Dilemma“ beschäftigt. Der originelle Ausstellungstitel verrät bereits worum es geht: um einen Vergleich von Chanukka und Weihnachten. Die Kuratoren warten mit Kitsch und Kuriosem, aber auch mit Hintergründigem zur Kulturgeschichte der Familienfeste auf.

Die Gemeinsamkeiten beider Traditionen sind schnell gefunden: Sowohl Weihnachten als auch Chanukka sind Lichterfeste in der dunklen Jahreszeit - und in diesem Jahr fallen sie, wie nur fünfmal pro Jahrhundert, kalendarisch zusammen. Das achttägige Tempelweihfest Chanukka hat theologisch jedoch nichts mit dem „heiligen Abend“ gemeinsam. Die mit leicht-fröhlicher Hand zusammengestellte Ausstellung versucht dennoch anhand von über 700 Exponaten nachzuweisen, wie „Kommerzialisierung und Säkularisierung eine oberflächliche Annäherung beider Feste ermöglicht haben“.

Der Ursprung von Chanukka (Hebräisch für »Einweihung«) liegt in der Befreiung Jerusalems von der syrischen Vorherrschaft durch die Makkabäer vor genau 2170 Jahren. Bei der neuerlichen Weihe des zerstörten Tempels trug sich ehedem das „Ölwunder“ zu: Das Licht des Tempelleuchters brannte acht Tage lang, obwohl er eigentlich nur Öl für einen Tag enthielt.

Nach Einbruch der Dunkelheit werden bis heute die Lichter des Chanukka-Leuchters entzündet – bis alle acht brennen. Erst seit dem späten 19. Jahrhundert hat Chanukka mehr Gewicht im jüdischen Festkalender bekommen. Denn die Chanukka-Geschichte erfüllte eine wichtige symbolische Funktion für die zionistische Bewegung: die Befreiungskampf der Makkabäer als Vorbild für den Kampf um Unabhängigkeit deutete.

Und auch das Weihnachtsfest hat erst in der Biedermeier-Zeit seine Bedeutung als besinnliches Familienfest bekommen, obwohl man in Deutschland Weihnachten schon seit 813 am 24. Dezember feiert. En passant klärt das Jüdische Museum in der Ausstellung auch über die christliche Kulturgeschichte auf: Die weihnachtlichen Traditionen haben sich trotz aller Umdeutungsversuche während der Nazi-Zeit und zu DDR-Zeiten hartnäckig gehalten. So wurden aus Engeln im DDR-Volksmund nie wirklich die politisch korrekten „Jahresendflügelpuppen“.

Weihnachtsfeiern mit Baum, Kerzen, Liedern und Geschenken waren im 19. Jahrhundert für viele deutsch-jüdische Familien ein Symbol für ihre Zugehörigkeit zum Bürgertum und zur deutschen, christlich dominierten Mehrheitskultur. Zur kuriosen Vermischungen der Bräuche kam es, weil viele jüdische Familien ihren Kindern Geschenke und Baum nicht verwehren wollten. Viele jüdische Familien feierten Weihnachten als säkulares Fest oder übertrugen weihnachtliche Bräuche auf ihr Chanukka-Fest: Es war die Geburtsstunde von „Weihnukka“. So entstanden Kippas im Weihnachtsmann-Look, der Chanukka-Kranz, der verdächtig dem christlichen Adventskranz ähnelte oder Davidsterne als Backformen. Selbst Theodor Herzl hat den Weihnachtsbaum als „Chanukka-Baum“ durchgehen lassen. Besondere Verrenkungen sind dafür nicht nötig, denn fast alle Weihnachtstraditionen - Baum, Weihnachtsmann, Lebkuchen - haben ohnehin keinerlei christlichen Gehalt.

Auch wenn es in der Ausstellung um die kulturellen Wechselwirkungen und Traditionen beider Feste geht, fehlt es ihr nicht an aktuellen Bezügen: Zu sehen ist beispielsweise auch ein jüdischer-US-Soldat in einem ehemaligen Palast von Saddam Hussein beim Entzünden einer Chanukkia.

Weil beide Feste, Weihnachten und Chanukka, gesellig sind, können die Besucher der interaktiven Ausstellung mit dem Trendel spielen und Türchen im Adventskalender öffnen. Auch einen Latkes-Wettbewerb in Lettland und eine Chanukka-Feier im Weltall kann man medial verfolgen und dabei den berühmten Weihnachtsschlager „White Christmas“ von 1940 hören. Er stammt übrigens von dem jüdischen Komponisten Irving Berlin!

„Weihnukka“, Jüdisches Museum, Lindenstr. 9-14, täglich 10-20 Uhr, montags -22 Uhr. Bis 29. Januar 2006