5. Jahrgang Nr. 11 / 25. November 2005 - 23. Cheschwan 5766

Eine Brücke zwischen Deutschland und Israel?

Zentralrat der Juden und die Heinrich Böll Stiftung luden zur Tagung über die Brückenfunktion der deutsch-jüdischen Gemeinden im israelisch-deutschen Dialog.

In diesem Jahr wurde das 40-jährige Bestehen der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel gefeiert. Anlass genug für den Zentralrat der Juden in Deutschland und die Heinrich-Böll-Stiftung nach der nie ganz deutlich definierten Rolle der jüdischen Gemeinden in Deutschland im deutsch-israelischen Verhältnis zu fragen.

Kontrovers diskutieren und analysieren der Ex-„Haaretz“-Journalist Elon Amos, der bekannte und stets pointiert redenden Professor Micha Brumlik, die Vizepräsidentin des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, der Botschafter des Staates Israel, Shimon Stein, und Hermann Simon, Direktor der Stiftung Neue Synagogen Berlin - nur fünf der 14 Referenten - über die Frage, inwieweit die deutschen Juden in den vergangenen vier Jahrzehnten vor dem Hintergrund der stark belasteten deutschen Geschichte überhaupt eine „Brückenfunktion“ hatten.

Lothar Mertens, Privatdozent an der Ruhr-Universität Bochum, erläutert zum Beispiel in einem kurzen Abriss die Rolle der Juden für die Beziehungen der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zum Staat Israel. Im Anschluss entbrennt eine offene Diskussion mit dem aufmerksamen Publikum - wissenschaftlicher Vortrag und persönliche Erinnerungen der anwesenden Zeitzeugen prallen aufeinander: „Es gab in der DDR eine Ministerin für Justiz, die hieß Benjamin – war das eine Jüdin?“ Eine Frage, die dem Fragesteller offensichtlich seit Jahren auf dem Herzen brennt. Heute bekommt er endlich eine Antwort: „Nein, war sie nicht.“

Persönliche Erfahrungen spielen an diesem Tag im Berliner Centrum Judaicum mindestens eine so große Rolle, wie wissenschaftliche Fakten. Es sind Erfahrungen, von denen die Zuhörer vieles lernen können. Charlotte Knobloch erzählt gleich zu Beginn, wie sie vor kurzer Zeit eingeladen wurde, einen Vortrag über „ihr Heimatland Israel“ zu halten. Berliner-Gemeindemitglied Sergey Lagodinsky entlarvt mit Hilfe seiner eigenen Biographie den oft gehörten Vorwurf, russische Juden hätten keine enge Bindung an Israel als Lüge: „Die Gemeinde in Russland, in der ich meine Kindheit verbracht habe, ist nahezu geschlossen nach Israel ausgewandert. Wer also glaubt, dass russische Juden keine enge Bindung an Israel haben, täuscht sich.“

Nur selten verstricken sich die Diskutanten in Detailfragen. Angenehm deutlich bleibt das Thema des Tages in jedem Vortrag präsent, auch weil der erste Redner, Micha Brumlik, gleich am Anfang für genügend Zündstoff gesorgt hat: „Die Brückenfunktion, liebe Veranstalter, die gibt es gar nicht.“ Nur sehr wenige Juden fallen ihm ein, die sich bislang in Deutschland dergestalt verhalten hätten – von einer ganzen Brücke sei man bislang also weit entfernt.

Zum Schluss atmet das Publikum auf, als der israelische Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, die Aussage Brumliks relativiert: Die Gemeinden seien bislang aus vielfältigen Gründen einfach nicht in der Lage, die Aufgabe des Brückenbauens zu erfüllen. Eine Schuldzuweisung findet sich in den Worten des Botschafters nicht.

Zustimmung findet das Fazit des langen Tages, Charlotte Knobloch spricht es aus: egal, ob es eine Brücke gibt oder nicht – „Israel ist und bleibt unsere religiöse und geistige Heimat.“