5. Jahrgang Nr. 11 / 25. November 2005 - 23. Cheschwan 5766

Von der politischen Bühne auf die Bretter, die die Welt bedeuten

Sängerin Larisa Gerstein hat es als Sängerin zur Vize-Bürgermeisterin von Jerusalem gebracht

Integration im Heiligen Land: Larisa Gerstein aus der Sowjetunion war fünf Jahre Vize-Bürgermeisterin von Jerusalem, jetzt ist sie als Sängerin im In- und Ausland unterwegs. Zur Zeit trifft sie Vorbereitungen für ihre große Deutschland-Tournee im Frühjahr, nachdem sie im November in München, Augsburg, Stuttgart und Berlin aufgetreten ist.

„Wissen Sie, wann ich zum ersten Mal in Berlin und Deutschland war? Das war 1984. Damals habe ich mit 20 Intellektuellen aus Europa und Israel vor der Gedächtniskirche in Westberlin für die Freilassung von Sacharow demonstriert. Wir haben drei Tage in Zelten campiert, gefastet und dabei natürlich gesungen“, erinnert sich Larisa, die am Telefon, als wir kurz vor Ihrer Abreise nach Deutschland sprechen, ausgesprochen fröhlich, geradezu aufgeregt und neugierig klingt.

Bis vor eineinhalb Jahren stand Larisa Gerstein als Vize-Bürgermeisterin von Jerusalem im Licht der Öffentlichkeit - eine bemerkenswerte Leistung für eine Zuwanderin aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Ihre russischsprachigen Landsleute nannten sie gerne „unsere Dame da oben“: Zum einen verstand Larisa am besten die Sorgen und Nöte der Zuwanderer, zum anderen war sie in der israelischen Öffentlichkeit und Politik ein Beispiel für gelungene Integration, da sie perfekt hebräisch spricht, voller Tatendrang und absolut patriotisch ist. Doch
dann kam es vor eineinhalb Jahren zum Bruch mit der israelischen Politik: Einerseits hatte das politische Gründe, Larisa wollte die Rückgabe der besetzten Gebiete nicht mittragen, andererseits konnte sie die Korruption in der Politik nicht länger ertragen. Jetzt endlich hat die passionierte Sängerin Zeit, dass zu machen, wozu sie früher wenig Zeit hatte.

Denn die ausgebildete Geologin hatte sich bereits in der Sowjetunion und später - nach ihrer Immigration 1973 - in Israel als Dichterin und Sängerin einen Namen gemacht. In der neuen Heimat gelang ihr das „Unmögliche“: Sie begeisterte sowohl ihre gebürtigen russischsprachigen Landsleute als auch die Israelis mit Liedern auf Russisch und Hebräisch. Ihr Erfolgsgeheimnis: Mit eigenen Übersetzungen russischer Literatur und Poesie wollte sie den hebräischen Markt erobern. „Da die Menschen leider verlernt haben, zu lesen, habe ich mich entschieden, ihnen die Texte ,vorzusingen.“ Und das kommt an: Larissas Bühnenpräsenz und ihr unbeschreibliches Charisma garantieren ihr in Israel längst volle Auditorien. Nun will sie den deutschen Markt erobern... Viel Glück!