5. Jahrgang Nr. 11 / 25. November 2005 - 23. Cheschwan 5766

Hauptstadt-Gemeinde hat neuen Vorsitzenden

Jüdische Gemeinde zu Berlin kommt nicht zur Ruhe: Albert Meyer tritt überraschend zurück, der 33-Jährige Gideon Joffé übernimmt Amtsgeschäfte in Rekordzeit – war es das oder: Wie geht es weiter?

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin hat seit 4. November einen neuen Vorsitzenden: Der 33-Jährige Gideon Joffé hatte überraschend die Amtsgeschäfte von Albert Meyer übernommen, der sein Amt erst zwei Tage zuvor, am 2. November, niedergelegt hatte. Vorausgegangen waren monatelange Querelen, intrigante Machtkämpfe, Razzien, staatsanwaltliche Ermittlungen und heftige interne Auseinandersetzungen.

Meyer, der für ein liberales deutsches Judentum steht, nannte als Grund für seinen Rücktritt unüberbrückbare Differenzen in der Gemeindeführung. Unerträgliche Streitigkeiten in der Repräsentantenversammlung, im Vorstand und hinter den Kulissen der Gemeinde hätten eine erfolgreiche Arbeit nicht mehr zugelassen, begründete der Berliner Anwalt seinen Schritt. Seit Monaten sei im Vorstand eine konstruktive Arbeit nicht mehr möglich gewesen, so Meyer weiter. Er räumte ein, dass an der Spitze seine Widersacher das Sagen gehabt hätten. Meyer hatte bei der Neuwahl der Repräsentantenversammlung Ende 2003 mit seinem Wahlbündnis „Kadima“ die Mehrheit in der 21-köpfigen Repräsentantenversammlung erlangt und deren Vorsitz übernommen.

Gideon Joffé hingegen war erst im Oktober in den Vorstand gewählt worden. Für den Gemeindevorstand ist der promovierte Betriebswirt der „ideale Interessenvertreter der deutschen und russischsprachigen Juden und damit Bewahrer der Einheitsgemeinde“.

Der in Israel geborene Sohn lettischer Zuwanderer, der in Deutschland aufgewachsen ist, sieht sich als «Vorsitzender aller Gemeindemitglieder unabhängig von der religiösen Orientierung und Herkunft», sagte Joffe nach seiner Wahl. Zudem verstehe er auf Grund seiner Biografie sowohl die «Sichtweisen der alteingesessenen als auch der zugewanderten Juden».

Mit Bedauern nahm der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, den Rücktritt Meyers zur Kenntnis: „Ich bin betrübt über die Entscheidung meines Freundes und Kollegen Albert Meyer.“ Er könne «ihn aber gut verstehen». Misstrauensanträge, gegenseitige Gerichtsverfahren unter den Vorstandsmitgliedern und blockierte Entscheidungen hätten zu unüberbrückbaren Differenzen geführt, so Spiegel.

Gideon Joffé will die zerstrittene Hauptstadt-Gemeinde wieder «in ruhiges Fahrwasser bringen». Ob ihm das gelingt, bleibt abzuwarten: Auf der jüngsten Sitzung der Repräsentantenversammlung am 16. November stand erneut ein Abwahlantrag gegen den neuen Vorsitzenden auf der Tagesordnung und es gibt Gemeindemitglieder, die über mögliche Neuwahlen nachdenken.

zu/dpa