5. Jahrgang Nr. 11 / 25. November 2005 - 23. Cheschwan 5766

Vernichtung und Zerstörung

Antisemitismus ist auch 67 Jahre nach der Pogromnacht in Deutschland wieder aktuell

Es ist der 9. November 1938, gewaltige Flammen schlagen aus Synagogenfenstern, im Dunkeln der Nacht leuchtet der Himmel über Deutschland vom Licht des Feuers – es ist ein Bild des Grauens, das den unermesslichen Schrecken der Pogromnacht und das Leid der Juden nachhaltig verdeutlich. Wer Gotteshäuser – gleichgültig ob Synagogen, Kirchen, Tempel oder Moscheen – anzündet, zerstört unwiederbringlich kostbare historische Kulturgüter, verletzt und vernichtet letztendlich Menschen. Bilder von brennenden Gotteshäusern kennen wir von zahlreichen grausamen kriegerischen Konflikten und doch war der 9. November 1938, als in ganz Deutschland Synagogen angezündet und geschändet, jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert und mindestens 91 Menschen ermordet und unendlich viele verhaftet wurden, das offizielle Signal zum größten und schlimmsten Völkermord in der Geschichte der Menschheit.

67 Jahre später – auch in diesem Monat haben wir uns am 9. November daran erinnert, dass die Nationalsozialisten ein ganzes Volk systematisch Vernichten wollten. Wenn wir heute erneut von antisemitischen oder rassistisch motivierten Ausschreitungen hören oder wenn Bilder von zerstörten Synagogen in Europa und den fast alltäglichen Friedhofsschändungen über Fernseher in unsere Wohnzimmer gelangen, werden die Erinnerungen an die Ereignisse zwischen 1933 und 1945 wieder lebendig. Grund genug mit aller Kraft gegen den Rechtsextremismus in Deutschland entschlossen vorzugehen. Unsere Gesellschaft darf vor Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit niemals kapitulieren. „Auch heute sind Rassismus und Antisemitismus fast schon wieder Alltäglichkeit“, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, auf einer Gedenkfeier. Fast sieben Jahrzehnte nach der Pogromnacht der Nazis seien Juden in Deutschland weiterhin eine immer wieder diskriminierte Minderheit, so Spiegel weiter. Nach einer vorläufigen Statistik des Bundesinnenministers sind im ersten Halbjahr 2005 bundesweit 4600 rassistische und antisemitische Straftaten registriert worden, zwischen 2000 und 2004 sind es knapp 60.000 solcher Straftaten gewesen. Erneut forderte Spiegel den Aufstand der Anständigen gegen den ungebremsten Anstieg rechtsextremer Gewalt.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland forderte aus diesem Anlass gemeinsam mit einem breiten Bündnis aus parteinahen Stiftungen und nicht-Regierungsorganisationen die neue Bundesregierung auf, Antisemitismus-Bekämpfung in ihre Koalitionsvereinbarung aufzunehmen. In einem umfangreichen Empfehlungskatalog werden konkrete Maßnahmen wie ein jährlicher Sachstandsbericht der Bundesregierung zum Antisemitismus sowie die Förderung für entsprechende Bildungsmaßnahmen und die Information der Öffentlichkeit, Fortbildungsmaßnahmen für die Polizei und die Intensivierung der Austauschprogramme mit Israel gefordert.

Der Antisemitismus-Beauftragte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), der SPD-Bundestagsabgeordnete Gert Weisskirchen, rief die Öffentlichkeit auf, immer wieder neu politisches Engagement gegen Antisemitismus einzufordern. Generell sei gesellschaftliche Wachsamkeit unabdingbar.

Das American Jewish Committee (AJC) beklagte, Antisemitismus resultiere häufig aus einer mangelhaften Vermittlung von jüdischer Kultur und Geschichte. Es reiche nicht aus, nur die Jahre 1933 bis 1945 im Unterricht zu behandeln. "Friedhofsschändungen, antisemitische Beschimpfungen und Übergriffe gehören immer noch zum Alltag", so die Leiterin des Berliner AJC-Büros, Deidre Berger. Der Appell der rund zwei Dutzend Organisationen an die Regierung bekräftigt entsprechend auch die Bedeutung der Bildungsarbeit als Instrument der Demokratieförderung und des Kampfes gegen Antisemitismus.

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Zukunft 5. Jahrgang Nr. 11
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