5. Jahrgang Nr. 10 / 28. Oktober 2005 - 25. Tischri 5766

Fassade ohne „Brokkoli“

In Berlin wird das Werk des deutsch-jüdischen Architekten Paul Zucker wieder entdeckt, renoviert und mit einem Buch geehrt

Zwischen Berlins schönstem Platz, dem Gendarmenmarkt, und dem Auswärtigen Amt in Mitte liegen auf schmalen barocken Parzellen Geschäftshäuser, die zusammen ehemals das Konfektionsviertel der Hauptstadt bildeten. In der Taubenstraße wurde im Oktober ein Bankhaus mit einer markanten frühmodernen Fassade (wieder-) eröffnet. Es ist in der Innenstadt das einzige verbliebene Zeugnis eines Baumeisters, der zu den großen Köpfen der deutsch-jüdischen Architektenschaft in Berlin vor dem Zweiten Weltkrieg zählte, aber erst mit einem gerade erschienenen Buch wieder dem Vergessen entrissen wurde: Paul Zucker (1888–1971) war ein Universalist, der nicht nur als Architekt, sondern auch als Akademiker und Journalist brillierte.

Das frisch renovierte Bankgebäude in der Taubenstraße ist im Kern ein fünfgeschossiger Bau aus dem Jahr 1875 von einem nicht bekannten wilhelminischen Baumeister. Zucker hatte es 1924 „vom Brokkoli auf der Fassade befreit“ und die Fassade im Stil der Neuen Sachlichkeit mit großen vertikalen Fenster und Sandstein-Gesimsen gestaltet und um drei Geschosse aufgestockt. Hinter der erhaltenen Fassade wurde nun nach Plänen der Berliner Architekten Kahlfeldt + Kahlfeldt ein neues Bürohaus gebaut, das sich eng an seinen historischen Vorläufer anlehnt. Bauherr des Hauses ist der Privatbankier Wilhelm Winterstein aus München. Um Zucker dem Vergessen zu entreißen, hat Winterstein den Berliner Architekturhistoriker Wolfgang Schäche beauftragt, Zuckers Leben und Wirken zu recherchieren und Schäche entdeckte eine eindrucksvolle deutsch-jüdische Vita: In Berlin hatte Zucker Villen und Landhäuser und verschiedene Geschäfte entworfen, bevor er 1937 - als Jude nicht nur seiner beruflichen Grundlage beraubt - vor den Nationalsozialisten nach New York geflohen war. Nur sechs seiner Villen im Grunewald sind erhalten.

Der Berliner Architekt wurde in New York Dozent an der New School of Social Research und der Cooper Union. 1944 eingebürgert, starb Zucker 1971 in New York, ohne jemals in den USA gebaut zu haben. Aber als Publizist und Doktor der Kunstgeschichte brillierte Zucker. Seine theoretischen Schriften über die Architektur der Stadt, Michelangelo und die Ästhetik des Verfalls gehören bis heute zum Quellenkanon an amerikanischen Kunst- und Architekturfakultäten. Gerade weil Zucker kein radikaler Modernist war, findet seine eloquente, gediegen-traditionelle Architektur heute wieder viele Freunde.

Während Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius nach dem Zweiten Weltkrieg in ihre Heimat zurück eingeladen wurden und hier große Aufträge bekamen, war dieses Glück ihren jüdischen Kollegen nicht (mehr) vergönnt. Die Wiederentdeckung von Zucker kann deshalb nur ein erster Anfang für weitere kunsthistorische Rehabilitationen sein.

Im obersten Stockwerk des Hauses in der Taubenstraße hat Winterstein eine Wohnung für die Berlin-Besuche seiner Ehefrau eingerichtet – auch das ist eine Geste, wie das zwischenzeitlich zu Unrecht vergessene Erbe deutsch-jüdischer Architekten, das Berlin bis heute stark prägt, wieder mit neuem Leben gefüllt werden kann. Das Haus soll nun offiziell den Namen „Paul-Zucker-Haus“ tragen. um

Buchtipp: Wolfgang Schäche: „Paul Zucker. Der vergessene Architekt“, Jovis Verlag, Berlin, 24,80 Euro