5. Jahrgang Nr. 10 / 28. Oktober 2005 - 25. Tischri 5766

Gottesdienst unter der Glasdecke

Im hessischen Marburg wird tatkräftig an neuen Räumen gearbeitet – ein Gemeindeportrait

Von Irina Leytus

„Hier haben wir Gäste, die bei uns koscheres Essen gebucht haben. Hier wird gerade Deutsch gelernt. Hier trifft sich gleich der Kursus Geschichte, Politik und Judentum.“ Das sind die kurzen Erläuterungen von Monika Tamar Bunk während unseres Rundgangs durch die neuen Gemeinderäume. Das Gemeindehaus aus den 30iger Jahren war die ehemalige AOK-Verwaltung. Dieses Gebäude ist sozusagen Ersatz für die Marburger Synagoge aus dem 13. Jahrhundert, aus der eine „Ausgrabungsstätte“ in der Altstadt wurde und für die große Synagoge in der Universitätsstraße aus dem 19. Jahrhundert, von der seit der Kristallnacht nur noch Fotos existieren, auf der ein schöner und stolzer Prachtbau zu sehen ist.

Nicht nur architektonisch, historisch und politisch sondern auch „personell“ gab es in der Geschichte der Marburger Juden einen Bruch: Die einst florierende jüdische Gemeinde der Universitätsstadt, der die Bankiersfamilie Strauß und auch bekannte Professoren – wie etwa Hermann Cohen - von der Marburger Universität angehörten, wurde von den Nazis total vernichtet. Nach 1945 fanden sich ca. 300 DP’s in der hessischen Kleinstadt zusammen und feierten wieder Gottesdienste. Aber ein zukunftsträchtiges Gemeindeleben konnte sich nicht entwickeln, denn für die meisten war Marburg nur eine Zwischenstation - sie wanderten sehr bald wieder aus.

Jüdisches Leben entwickelt sich in Marburg vielmehr auf anderem Wege: Ausgerechnet ein Christ, Willy Sage, gründet in den 60er Jahren die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und beginnt 1978 in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung, jüdische Marburger aus dem Ausland einzuladen. Doch der eigentliche Grundstein für neues jüdisches Leben beginnt 1982 mit dem Umzug des Israelis Amnon Orbach nach Marburg. Er „trommelt“ etwa 20 jüdische Marburger zusammen und mit Hilfe des Marburger Oberbürgermeisters Hanno Drechsler konnten 1989 der neue Synagogenraum und das Gemeindehaus eingeweiht werden. Heute ist Amnon Orbach nicht nur Vorsitzender der Gemeinde, sondern auch Lehrer und Vorbeter. Zurzeit kümmert er sich allerdings besonders um den Umbau der neuen Synagoge. Auch Beni Pollak vom Landesverband übernimmt als Vorbeter, Religions- und Hebräischlehrer zahlreiche Aufgaben. Monika Tamar Bunk kümmert sich um Kultur-, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie verschiedene Verwaltungsaufgaben.

Mit großzügiger Unterstützung durch die Stadt Marburg, die der Gemeinde die Mittel für das neue Haus zur Verfügung stellte, sowie durch das Land Hessen, das die Mittel für den Umbau bereitstellte, zog die Gemeinde im vergangenen Jahr aus den alten Räumen (einer umgebauten Wohnung) in das neue Haus in der Marburger Innenstadt. Die Renovierung des Hauses begann sie zunächst aus eigenen Kräften, wurde aber bei der Umgestaltung bald vom Bauamt der Stadt Marburg tatkräftig unterstützt. Wo sich einst die Schalterhalle der AOK mit einer Lichtdecke befand, entsteht heute der geräumige Betraum der Jüdischen Gemeinde mit einer vom Marburger Künstler Jakobus Klonk gestalteten bunten Glaskunstdecke. Die Bestuhlung wurde beim israelischen Kibbuz Lavi in Auftrag gegeben und teilweise – wie vieles andere auch – durch private Spender finanziert.

Die diesjährigen Hohen Feiertage fanden erstmals wieder in einer richtigen - fast fertigen -Synagoge statt. In den neuen Räumen werden die 360 Mitglieder der Marburger Gemeinde schon sehr bald ihren Lebensmittelpunkt haben.