5. Jahrgang Nr. 10 / 28. Oktober 2005 - 25. Tischri 5766

Wann und wie man richtig Deutsch lernt

Seminar des Zentralrats will Zuwanderern helfen, die Sprache ihrer neuen Heimat zu lernen

Von Christine Schmitt

Was hat die „Mäusekönigin Pipsabella“mit Sprachförderung zu tun? Eine ganze Menge, sagt die Sprachtherapeutin Kristine Leithold. Zwei neunjährige Mädchen aus russischsprachigen Zuwandererfamilien waren mit schlechten Zeugnisnoten in Deutsch nach Hause gekommen. Das muss sich ändern, entschieden die Eltern und wandten sich an Kristine Leithold vom Verein für Sprach- und Kulturförderung „Sprachbrücke“. Sie regte an, dass sich die beiden Mädchen ein Märchen ausdenken und Bilder dazu malen. Gemeinsam mit der Sprachtherapeutin entstand die Geschichte von der Mäusekönigin, die befürchtet, dass sie für den Winter nicht genug Käse für ihr Mäusevolk hat.

Zum Seminar „Zweisprachigkeit und Sprachförderung bei Kindern“, zu dem der Zentralrat der Juden in Deutschland Pädagoginnen von jüdischen Kindergärten und Schulen aus ganz Deutschland nach Berlin eingeladen hatte, brachte Kristine Leithold das Heft mit dem Märchen und den Illustrationen mit.

„Ich würde mir wünschen, dass diese Idee von den jüdischen Gemeinden übernommen wird und so ein Märchenwettbewerb entsteht“, sagte die Sprachtherapeutin. Die Geschichte von der Mäusekönigin wurde auf Deutsch geschrieben und später ins Russische und Englische übersetzt. Auf jeder gedruckten Seite stehen nur wenige Sätze – dafür in allen drei Sprachen. So kann sie der Leser gleich mit einem Blick erfassen. Das Märchenprojekt ist ein Beispiel dafür, wie Kinder und Jugendliche sprachlich und in ihrer Kreativität gefördert werden könnten.

Nur Kinder seien in der Lage, eine zweite Sprache neben ihrer Muttersprache akzentfrei und perfekt zu beherrschen. Nach der Pubertät hätten sich die Strukturen im Gehirn so verändert, dass Jugendliche eine zweite Sprache nur noch als Fremdsprache erlernen können. Beispielsweise könnten Kinder die Artikel „der, die, das“ den Substantiven instinktiv richtig zuordnen, während Erwachsene diese Besonderheiten mühsam erlernen müssten. Ideal wäre, wenn Kinder bereits vor Schulbeginn eine neue Sprache erwerben.

Doch wie sollen Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ihre Kinder dabei unterstützen? „Ein Salat aus mehreren Sprachen hilft nicht“, betont Leithold. Kinder haben ein Problem, daraus ein System zu basteln. Eltern müssen auf jeden Fall gute Sprachvorbilder sein. Sie sind verpflichtet, Deutsch zu lernen“, sagt die Sprachtherapeutin. Falls die Kinder die Umgebungssprache sprechen wollen, sollten die Eltern in der Lage sein, sie auch zu verstehen. Und sie sollten eine positive Beziehung zur deutschen Sprache aufbauen. Wichtig sei, dass die Eltern darauf verzichten, mit ihrem Nachwuchs in einem fehlerhaften Deutsch zu sprechen. „Dann lieber in der perfekten Muttersprache“, erklärt Leithold. Mische man Deutsch und Russisch, könne auf Dauer keine Kommunikation entstehen. Entscheidend sei auch, dass die Kinder, wenn sie aus der Schule oder dem Kindergarten nach Hause kommen, nicht kritisiert würden, wenn sie mit ihren Eltern deutsch reden. „,Sprich russisch mit mir‘, darf man in dieser Situation nicht sagen.“

Allerdings erlebten Kinder mitunter einen Schock, wenn sie russischsprachig aufwachsen und dann in einen Kindergarten kommen, in dem nur Deutsch gesprochen wird. „Sie erleben, dass ihre Muttersprache nicht funktioniert, und wissen nicht, wie sie sich verständigen können.“ Manche Kinder würden sich deshalb erst einmal zurückziehen, bis sie sich zurechtfänden.

„Für Kinder ist es wichtig, dass die Eltern ihnen voraus sind und sie etwas von ihnen lernen können“, sagt Kristine Leithold. Es komme zu Autoritätsproblemen, wenn die Eltern arbeitslos sind, sich nicht integrieren wollen und nicht einmal bei den Hausaufgaben helfen können.

Heute erlernen die Kinder noch weitere Sprachen. Englisch oder Französisch ab der dritten Klasse, später eventuell Spanisch oder Latein und meistens auch Hebräisch. „Je mehr Sprachen ich kann, desto mehr hilft es mir, in einer globalen Welt zu agieren“, sagt Kristine Leithold. Vielleicht finde man eher einen interessanten Arbeitsplatz im Ausland als in Deutschland. „Viele jüdische Familien haben Verwandte und Freunde in Australien, in den USA oder in der ehemaligen Sowjetunion. Wie verständigt man sich mit ihnen?“ will Kristine Leithold von den Seminarteilnehmerinnen wissen. Die erste Generation auf Russisch, aber bei den Jugendlichen würde sich immer mehr Englisch durchsetzen, lautete die Antwort. Denn auch in Russland habe sich viel getan: Auch dort spreche heute jeder zweite Jugendliche Englisch.

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 38 vom 22.9.05