5. Jahrgang Nr. 10 / 28. Oktober 2005 - 25. Tischri 5766

Kämpfer bis zum Ende

Am 4. Oktober 2005 ist Gerhard Zadek, einer der wenigen überlebenden jüdischen Widerstandskämpfer, verstorben. Zukunft-Autor Johannes Boie erinnert sich an eine Begegnung

Vor drei Monaten besuchte ich im Auftrag einer Zeitung den großen Mann des ehemaligen jüdischen Widerstandes. Gerhard Zadek wohnte im elften Stock eines Hochhauses nur wenige hundert Meter vom Berliner Alexanderplatz entfernt. Er saß auf seinem Sofa, die Beinen eng übereinander geschlagen. „Det wird“, sagte er, „eene lange Geschichte.“ Dann begann er, mir sein langes und bewegtes Leben zu erzählen.

Gerhard Zadek wird 1919 in Berlin geboren. Er wächst rund um den Alexanderplatz auf, herein geboren in die Stille vor dem deutschen Sturm. „Auf’s Land wollte ich“, erinnerte er sich bei unserem Gespräch, „raus aus der großen, stickigen Stadt.“ Gemeinsam mit der Deutsch-Jüdischen-Jugendgemeinschaft (DJJG) werden Ausflüge in die grünen Randbezirke Berlins unternommen. „Wir haben viel geredet. Es ging um die großen Fragen im Leben, auf die man als Kind Antworten sucht.“

In der Gruppe wird ein gewisser Herbert Baum für den jungen Zadek zu einer Art Idol. Er weiß Antworten auf offene Fragen und nimmt sich für die Jüngeren Zeit. Die Wandergruppe ist keine zionistische Bewegung. Man fühlt sich zuhause in Deutschland, auch als die SA schon durch Berlin marschiert. Erst ab der Pogromnacht hoffen die Mitglieder nicht mehr auf ein gutes Ende. Gemeinsam geht man in den Untergrund.

Und so wird aus einer Gruppe gebildeter und interessierter Wanderfreunde eine Widerstandsgruppe. Die Widerständler benennen sich nach ihrem Anführer - Herbert Baum. Etwa 100 Mitglieder zählt die Herbert-Baum-Gruppe; fast ebenso wie vom jüdischen Glauben werden die jungen Menschen auch von ihrer glühenden Verehrung für linke Ideale getrieben. Die Nationalsozialisten setzen alles daran, die Aktivitäten der Herbert-Baum-Gruppe zu verheimlichen – „kämpfende Juden“ darf es, im Gegensatz zu „kämpfenden Linken“, nicht mal als Feindbild geben.

Gerhard Zadek wird Mitglied in der linken Zionisten-Bewegung Haschome Hazair. Außerdem arbeitet er in dem jüdischen Landwirtschafts-Gut Gut Winkel. Es liegt in der Nähe von Spreenhagen, östlich von Berlin. Doch die tödliche Schlaufe der Nazi-Todesmaschinerie zieht sich immer enger um den jungen Mann. Über Holland flieht er 1939 nach Manchester, wo er seine Jugendliebe Alice wieder trifft. Diese Flucht beschrieb er 53 Jahre später in dem Buch „Mit dem letzten Zug nach England“.

In Deutschland geht die Herbert-Baum-Gruppe weiter ihren Aktivitäten im Untergrund nach. Am 18. Mai 1942 stecken einige Widerständler eine rassistische Ausstellung mit dem ironisch gemeinten Titel „Das Sowjetparadies“ in Brand. Die Flammen sind schnell gelöscht – aber die jungen Kämpfer haben etwas viel Größeres als die Zerstörung der Ausstellung erreicht. Etwas, woran sie gar nicht gedacht hatten: Sie haben das Bild vom Juden, der sich widerstandslos abführen lässt, für alle Ewigkeit zerstört. Die Widerständler werden in Auschwitz oder in Berlin-Plötzensee von der SS ermordet.

Gerhard Zadek und seine Freundin Alice Kronheim gehören zu den wenigen, die Glück haben. Sie sind schon seit drei Jahren in Manchester und arbeiten von England aus gegen das Dritte Reich. Für seine herausragenden Leistungen innerhalb der britischen Armee, für die er arbeitet, bekommt Gerhard Zadek von der Queen die Verdienstmedaille Defense-Medal.

Allen furchtbaren Geschehnissen zum Trotz: Alice Kronheim und Gerhard Zadek sind und bleiben Berliner. Zwei Jahre nach dem Sieg der Aliierten zieht das junge Paar zurück in die Ruinen der einstigen Reichshauptstadt. Und ihre Exil-Freunde in Manchester sagen ungläubig: „Ihr seid wohl meschugge!“

Gerhard und Alice heirateten - eine Jugendliebe fürs ganze Leben, zusammengeschweißt durch schreckliche gemeinsame Erlebnisse. Nach dem Krieg wurde Zadek Chefredakteur der linken Zeitung Junge Welt, später ist er eine Art Pressesprecher der DDR-Regierung geworden. Aber das sei eine andere Geschichte, sagte der 85-jährige im Interview.

Nach der Wende kämpfte Zadek weiter – für eine größere Wahrnehmung des jüdischen Widerstandes: an Schulen, wie zuletzt, als er sich stark dafür machte, die jüdische Oberschule in Berlin nach Herbert Baum zu benennen, in Artikeln, in seinen Büchern. Zadek gab nicht auf und hat tausende Menschen erreicht. Unzählige Erinnerungen an seine tapferen Weggefährten hat er geschaffen.

Jetzt ist Gerhard Zadeks Kampf vorbei. Den Tod seiner geliebten Frau, die Anfang 2005 gestorben war, hatte er nie überwunden. Geschwächt von diesem Schicksalsschlag starb der „Judenjunge vom Alexanderplatz“ (Zadek über Zadek) am 4. Oktober im Alter von 86 Jahren in seiner Wohnung im elften Stock, mitten in einem befreiten und demokratischen Berlin.