4. Jahrgang Nr. 2 / 27. Februar 2004 - 5. Adar 5764

Aktives Gemeindeleben trotz knapper Kasse

Portrait der Jüdischen Gemeinde Heidelberg – Vorsitzender wünscht sich engeren Kontakt zur Jüdischen Hochschule

von Irina Leytus

Sowohl seine historische Bedeutung als auch seine touristische Attraktivität verdankt Heidelberg seiner 800 Jahre alten und damit ältesten Universität in Deutschland. Ironischerweise hat auch der früheste Hinweis auf eine Synagoge in der geschichtsträchtigen Stadt am Neckar mit der Universität zu tun: Nach der Judenvertreibung von 1390 wurde diese zur Marienkapelle der Universität „umfunktioniert“. Während Juden im 15. Jahrhundert wieder vereinzelt in Heidelberg aufgenommen wurden, gab es bis 1660 keine Erlaubnis, eine neue Synagoge zu bauen. Stattdessen wurden Gottesdienste in Beträumen, die sich in Privathäusern befanden, abgehalten. Eine eigene Synagoge wurde schließlich erst 1714 gebaut.

Am 10. November 1938 steckten SA-Männer das Gotteshaus an der Großen Mantelgasse in Brand. Die aus der Synagoge entwendeten Torarollen und rituellen Gegenstände wurden zunächst auf das Polizeirevier gebracht. Nationalsozialistisch gesinnte Bürger und vor allem Studenten verbrannten diese schließlich eine Woche nach der Zerstörung der Synagoge auf dem Universitätsplatz. Die zweite Heidelberger Synagoge wurde ebenfalls in der „Kristallnacht“ verwüstet, dann jedoch soweit wiederhergestellt, dass dort noch bis zur Deportation der Heidelberger Juden, am 22. Oktober 1940, Gottesdienste stattfinden konnten. Auf dem Grundstück, wo einst die große Synagoge stand, wurden zunächst ein Spielplatz, später dann ein Parkplatz gebaut.

Das war – vorerst - das Ende jüdischen Lebens in Heidelberg. Schon im Frühjahr 1945 bildete sich eine neue kleine jüdische Gemeinde mit 40 Mitgliedern. Die amerikanischen Militärbehörden richteten einen Synagogenraum ein, an den Feiertagen gab es gemeinsame Gottesdienste der Heidelberger Gemeinde und der amerikanischen Militärgemeinde. Heute hat Heidelberg unweit des Bahnhofs wieder eine kleine Synagoge mit einer Mikwe. Inzwischen zählt die Gemeinde 470 Mitglieder, ungefähr 400 von ihnen stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Dieses Verhältnis von russischsprachigen Mitgliedern zur Gesamtgemeinde ist für Deutschland nicht ungewöhnlich; die Heidelberger Gemeinde hat demzufolge auch einen russischsprachigen Vorstand. Der aus Bessarabien stammende Gemeindevorsitzende, Lazar Broitmann, widmet sich voll und ganz dem Gemeindeleben und berichtet stolz, dass trotz des engen Finanzrahmens ein vielfältiges religiöses, soziales und kulturelles Gemeindeleben in der Universitätsstadt möglich sei. Auch die Muttersprache von Gemeinderabbiner Kalev Krelin ist Russisch. Als Kind emigrierte er mit seinen Eltern nach Israel, seit zwei Jahren arbeitet er als Gemeinderabbiner in Heidelberg und ist Mitglied des Deutschen Rabinatsgerichts Beit-Din.

Broitmann ist enttäuscht darüber, dass die meisten Dozenten und Studenten der „Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg“ nicht am Gemeindeleben teilnehmen. Lediglich der ehemalige Gemeindevorsitzende, Professor Dr. Daniel Krochmalnik, und einige seiner Studenten bilden eine Brücke zwischen der jüdischen Hochschule und der jüdischen Gemeinde Heidelberg.