14.11.2005

Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Dr. h.c. Paul Spiegel

anlässlich der Grundsteinlegung für den Bau der Synagoge in Bochum, Grundstück Castroper Straße in Bochum, 14. November 2005

Es gilt das gesprochene Wort!

Dass sie ihre Gottesdienste ab dem Jahr 1863 in einem würdigen, ja festlichen Rahmen abhalten konnten, verdankten die Bochumer Juden ihren Frauen. Letztere hatten nach vielen Jahren der Plagerei genug von der „engen, hühnerstiegenartigen Frauenempore“ in der alten Synagoge an der Schützenbahn. Der zunächst vorgenommene Umbau brachte statt einer Verbesserung jedoch nur neues Ungemach. Als wären die Schildbürger am Werk gewesen, war die neue Frauenempore nur durch das Nachbarhaus der Synagoge zu erreichen. Um die Lichter zu löschen oder auf der Empore nach dem rechten zu sehen, durchquerte zudem auch noch der Schammes, der Synagogendiener, regelmäßig die gute Stube des Nachbarn. Für alle Beteiligten eine harte Geduldsprobe, die schließlich in Handgreiflichkeiten endete.

Der Bochumer Bürgermeister Max Greve empfand diese Situation als unhaltbar. Seinem tatkräftigen, verdienstvollen Wirken verdankte die jüdische Gemeinde von Bochum die Entstehung einer neuen Synagoge in der Wilhelmstraße. Die Finanzierung musste und konnte die Gemeinde nicht aus eigenen Kräften bewerkstelligen. Mittels einer vom Oberpräsidenten von Westfalen genehmigten Kollekte und vielen Einzelspenden nichtjüdischer Bürger konnte der Bau finanziert werden. Nach dem Vorbild der von Gottfried Semper entworfenen Dresdner Synagoge entstand ein würdiger, zweckmäßiger Bau. Von nun an gelangten die Frauen bequem durch die Nebeneingänge über Treppen auf die Emporen.

Die mehrmals umgebaute und erweiterte Synagoge überdauerte jedoch nur 45 Jahre. Nach dem immer gleichen, staatlich vorgegebenen Ablauf brannten Nazi-Schergen und ihre Helfershelfer, unterstützt von gaffenden, hetzenden Zuschauern, in der Nacht des 9. November 1938 überall in Deutschland die Synagogen ab. Darunter auch das einst mit breiter Unterstützung der nichtjüdischen Bevölkerung entstandene Bochumer Gotteshaus. In krassem Gegensatz zu seinem ehrenwerten Vorgänger im 19. Jahrhundert beteiligte sich der den Nazis ergebene Bochumer Oberbürgermeister Otto Leopold Piclum in der Pogromnacht eigenhändig an der Zerstörung des Gebäudes.

In dieser Novembernacht vor 67 Jahren ging beileibe nicht nur Kristall zu Bruch, es barsten nicht nur die Fenster unzähliger jüdischer Geschäfte und das Geschehen beschränkte sich auch nicht auf die Schändung und das Anzünden von jüdischen Gotteshäusern. Die bis heute gängige Sichtweise, damals sei den jüdischen Bürgern eigentlich nur eine Lektion erteilt worden, übersieht geflissentlich das Ausmaß an Gewalt und Hass, das den jüdischen Bürgern in einem für unmöglich geglaubten Ausmaß entgegenschlug. Die Welle der blinden Zerstörung wurde begleitet von einer Welle der Brutalität gegenüber unschuldigen Menschen. Die Morde und gewalttätigen Exzesse des November 1938 machten deutlich, dass nunmehr die letzten Hemmungen und Schranken gefallen waren. Allein in Bochum und Wattenscheid waren es rund 100 Männer, die mit einem Sammeltransport von Dortmund aus ins Konzentrationslager Oranienburg-Sachsenhausen nahe Berlin gebracht und auf grausamste Weise misshandelt wurden. Noch vor dem Beschluss der so genannten „Endlösung der Judenfrage“ auf der Wannseekonferenz wurden die Bochumer Juden massenweise in die Vernichtungslager deportiert. Die Bochumer jüdische Gemeinde, die Anfang 1933 noch weit über 1000 Mitglieder zählte, existierte Anfang der vierziger Jahre schon nicht mehr.

Was die Reaktion der nichtjüdischen Bevölkerung betraf, so war zwar vielfach Ablehnung spürbar. Die Kritik richtete sich jedoch nicht gegen die antijüdischen Maßnahmen an sich oder die physische Gewalt gegen Menschen. Ärger erregte das teilweise chaotische Vorgehen der Schlägertrupps, die demonstrative Öffentlichkeit der gesamten Aktion und die als unnötig erachtete Vernichtung von Werten. Eine zynische Sichtweise, die von NS-Führern wie Hermann Göring geteilt wurde. In seiner Analyse des nächtlichen Geschehens beklagte er denn auch den immensen materiellen Schaden. Aus seiner Sicht wäre es besser gewesen „200 Juden zu erschlagen“ als „solche Werte zu vernichten“.

Die feierlichen Grundsteinlegungen für neue Synagogen in Deutschland sind durch die Erfahrung des Holocaust zu Mahnveranstaltungen geworden. Diese seit Kriegsende feststellbare Umdeutung ist nur eine der unzählbaren negativen Auswirkungen der Shoah. Die Freude über die Entstehung einer Synagoge als einem von Erwachsenen und Kindern erfüllten Haus der Religion, des Studiums und der Begegnung ist auch sechzig Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gepaart mit Trauer.

Für die damals in Deutschland lebenden Juden war das Ausmaß an Hass und Gewalt, das ihnen ab 1933 immer stärker entgegenschlug, unfassbar. So unfassbar, dass die Mehrheit von ihnen das menschenverachtende Signal falsch deutete und die sich zum Teil noch bietende Chance zur Flucht verpasste. Für all die Zurückgebliebenen, die bis zuletzt hofften, verschont zu bleiben, begann ein Leidensweg, den zu beschreiben und zu erinnern wir niemals müde werden dürfen.

Dies umso mehr als wir in der Zeit der Planung der Bochumer Synagoge erleben mussten, dass in Deutschland wieder Menschen leben, die den Leidensweg der Juden während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Grunde für gerechtfertigt halten. Anders lassen sich die dumpfen, in Bochum verbreiteten Hassparolen der Rechtsradikalen im vergangenen Frühjahr nicht interpretieren. Nur wer für das größte Menschheitsverbrechen der Geschichte Verständnis aufbringt, kann in der Lage sein, 60 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager gegen den Bau dieser und anderer Synagogen in Deutschland zu demonstrieren. Eine erschütternde Erkenntnis. Sie konfrontiert uns mit einem Ausmaß an Menschenverachtung, Unwissenheit und Dumpfheit, das bei den ehemaligen Opfern und Überlebenden, aber auch bei allen aufrechten Demokraten schlimmste Befürchtungen auslösen muss.

Entsprechend große Bedeutung haben die vielen Aktionen, Demonstrationen, Unterschriftensammlungen und Offenen Briefe als Reaktion auf die unsäglichen antisemitischen Pöbeleien der Rechten. Für die in Deutschland lebenden Juden wie für die Angehörigen anderer Minderheiten sind diese Gesten unverzichtbare Zeichen der Solidarität, die Mut machen und das Vertrauen in die demokratische Kultur in Deutschland stärken. Ich danke allen, die sich an den damaligen Protesten lautstark beteiligt haben. Ganz besonders richte ich diesen Dank an den Oberbürgermeister der Stadt Bochum, Herrn Ernst-Otto Stüber, der sich, anknüpfend an das Vorbild des wackeren Max Greve, demonstrativ an die Seite der jüdischen Gemeinde stellte und die Bevölkerung zum Widerstand aufrief. Ich hoffe sehr, dass möglichst viele der bisherigen Unterstützer und Förderer auch weiterhin der neuen Synagoge und damit der jüdischen Gemeinde verbunden bleiben. Die zahlreichen Veranstaltungen, die nicht nur rund um die Einweihung, sondern künftig kontinuierlich stattfinden werden, können viel dazu beitragen, die so dringend notwendigen Kontakte zwischen Juden und Nichtjuden zu fördern.

Auf der zukünftigen Bochumer Synagoge wie auf allen nach Kriegsende in Deutschland neu gebauten oder instand gesetzten Synagogen lastet der lange Schatten der Vergangenheit. Doch dieser Schatten, darauf beharre ich auch hier in Bochum, darf uns nicht unsere Freude trüben über diesen Neubau, der nun im Entstehen ist. Eine Synagoge ist für uns Juden ein zu wichtiger Ort und mit so vielen positiven, Herz, Verstand und Seele berührenden Empfindungen verbunden, als dass wir uns von unserer Trauer all diese Gefühle verdrängen lassen dürften. Der Lebendigkeit und des Reichtums der jüdischen Religion zuliebe, aber auch um das Erbe der Toten und Überlebenden des Holocaust zu wahren, sind wir gefordert, dieses Haus nach seiner Fertigstellung mit Leben, mit Gebeten, mit Gesang und gemeinsamen Gesprächen zu füllen. In diesem Sinne wünsche ich den Bochumer Gemeindemitgliedern auch weiterhin breite Unterstützung seitens der nichtjüdischen Bevölkerung, gute Fortschritte beim Bau der Synagoge und Gottes Segen!