4. Jahrgang Nr. 2 / 27. Februar 2004 - 5. Adar 5764

Protest gegen neue Synagoge

Leipziger Bürger und Bochumer Neonazis versuchen jüdische Einrichtungen zu verhindern

Von Irina Leytus


Die Synagoge ist seit 2600 Jahren der Ersatz für den Tempel, den Ort der Versammlung, des Gebets, des Torastudiums. Überall, wo sich Juden niederlassen durften, versuchten sie sofort - wenn auch mit bescheidensten Mitteln - eine Synagoge zu errichten. Unzählige wurden in Europa während der Inquisition im Mittelalter zerstört, entweiht oder zu Kirchen umgebaut, wurden in Deutschland während der Naziherrschaft geplündert und niedergebrannt. Jetzt, wo sich jüdisches Leben in Deutschland wieder entwickelt, entstehen hier und dort neue Gotteshäuser. Leider sind zur Zeit gleich zwei dieser Bauvorhaben gefährdet.

Beispiel eins. Der NPD-Landesverband Nordrhein-Westfalen und die "Frohen Kameradschaften" hatten jüngst zu zwei Demonstrationen gegen den Bau der 1938 zerstörten Synagoge in Bochum aufgerufen. Das Motto sollte "Stoppt den Synagogenbau - 4 Millionen für das Volk!" lauten und sich gegen die Verwendung von Steuergeldern für den Neubau richten. Der Bochumer Polizeipräsident, Thomas Wenner, hat die Aufmärsche verboten. Inzwischen hat das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen dieses Verbot aufgehoben, der Polizeipräsident will dagegen juristisch vorgehen.

Tatsache ist, dass zwei Drittel der sieben Millionen Euro Baukosten die jüdische Gemeinde Bochum und ihr Stiftungsverein tragen. Die restlichen 2,3 Millionen Euro bringen das Land und die Stadt auf. Ironie der Geschichte ist, dass er öffentlich allerdings nicht etwa das unverschämte Vorgehen der Bochumer Neonazis rügte. Vielmehr kritisierte er das "schädliche" Vorgehen von 24 Bochumer Richtern, die sich in einem Brief, in dem sie das Demoverbot forderten, an ihn gewandt hatten. Wenner "fühlte sich von den Richtern bevormundet und unangemessen belehrt".

Beispiel zwei. In Leipzig versuchen ganz gewöhnliche Anwohner den Bau des jüdischen Gemeindezentrums zu verhindern. Ihre Begründung: Eine jüdische Einrichtung stellt ein Sicherheitsrisiko für die Nachbarschaft dar. Inzwischen klagen fünf Anwohner des Waldstraßenviertels gegen die Stadt Leipzig. Die Folge ist, dass die bereits erteilte Baugenehmigung außer Kraft gesetzt wurde. Ursprünglich sollten die Arbeiten bereits im Oktober 2002 beginnen. Nun verzögern sie sich nicht nur, sondern sind massiv gefährdet, da es für die öffentlichen Fördermittel - die den größten Teil der Baukosten in Höhe von vier Millionen Euro decken sollten -Auflagen gibt, die Ende 2004 verfallen.

Der Förderverein "Synagoge und Begegnungszentrum Leipzig e.V.", zu dem neben dem Leipziger Oberbürgermeister, Wolfgang Tiefensee, und dem Vize-Präsidenten des Zentralrates der Juden, Salomon Korn, auch Kurt Masur, der Leipziger Dirigent, gehören, schlägt Alarm. Gründungsmitglied Christian Wolff, Pfarrer der Thomaskirche, fordert eine Rücknahme der Klagen gegen den jüdischen Neubau. Hier handele es nicht um ein Sicherheitsrisiko, sondern um das Risiko eines Wiederauflebens der "trüben Tradition des Antisemitismus". In der Tat handelt es sich hier um judenfeindliches "Unbehagen".

Hintergrund: Als das Ariowitsch-Haus Anfang des 20. Jahrhunderts im damals als ausgesprochen jüdisch geltenden Waldstraßenviertel, wo jetzt das Begegnungszentrum errichtet werden soll, als jüdisches Altersheim entstanden war, störte das niemanden. Als das jüdische Altersheim "geräumt" wurde, störte das ebenso wenig. Und als das ehemalige jüdische Altersheim als Seniorenheim für DDR-Rentner diente, gab es ebenfalls keinen Protest.