09.11.2005

Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland

anlässlich der zentralen Gedenkveranstaltung in Erinnerung an die Pogromnacht vom 9./10. November 1938

Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Dr. h.c. Paul Spiegel im Düsseldorfer Schauspielhaus.

Nüchterne Zahlen und Statistiken zum Thema Rechtsradikalismus in unserer Gesellschaft sagen nichts über das tatsächliche Leid der Opfer aus. Auf der Grundlage dieser Erkenntnis hat die Opferberatungsstelle „Reach Out“ in Berlin den verdienstvollen Versuch unternommen, eine Chronik rechtsradikaler Gewalttaten in Berlin vorzustellen, die bewusst auf Zahlen verzichtet. Entstanden ist die Ausstellung „Berliner Tatorte“, die in diesem Herbst in der Wandelhalle des Berliner Abgeordnetenhauses zu sehen war.

Auf sechzig Tafeln wurden den Besucherinnen und Besuchern Fotografien präsentiert, auf denen nicht etwa Täter, Opfer oder Gewaltszenen eingefangen sind, sondern lediglich die Orte in der Stadt, an denen eine antisemitische oder rassistische Straftat verübt wurde. Aufgegriffen wurde beispielsweise der Fall des 22jährigen kanadischen Touristen, der anhand seiner Kleidung als gläubiger Jude zu erkennen war und im Mai dieses Jahres von einem 35jährigen Deutschen beleidigt und bespuckt wurde. In der Ausstellung ist lediglich die Stelle in der Niederkirchnerstraße zu sehen, wo diese Szene stattfand. Opfer und Täter treten auf den Bildern nicht in Erscheinung. Die eindringliche Wirkung der Fotografien erwächst somit aus dem „Nicht-Sichtbaren“. Die Bilder zwingen die Betrachter, sich in die Sicht der Opfer hineinzudenken. Deutlich spürbar wird die Bedrohung. Wir erhalten eine Ahnung von der Angst und der Panik gedemütigter, verfolgter oder brutal drangsalierter Menschen. Einmal mehr beweist dieses beeindruckende Projekt zudem, dass Bilder auch dann eine starke Wirkung entfalten können, wenn auf die Darstellung von Grausamkeit verzichtet wird.

Die Ausstellung „Berliner Tatorte“ hat mich sehr beschäftigt. Mit Blick auf das diesjährige Gedenken an die Reichspogromnacht musste ich an die im Wortsinne unzähligen Tatorte nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland denken, an denen in der Nacht des 9. November 1938 jüdische Deutsche geschlagen, beraubt oder willkürlich ermordet wurden. Auch damals wurden über diese Gräueltaten Statistiken geführt. Die während der Nazi-Zeit von den Behörden angefertigten Listen und Aufstellungen über das Ausmaß der Gewalttaten dienten anders als heute jedoch nicht dem Zweck, die Strafverfolgung effizienter zu gestalten oder die Öffentlichkeit über das Ausmaß rechter Umtriebe in Kenntnis zu setzen. Schließlich war der November- Pogrom staatlich gesteuert und nach genauen Plänen in Szene gesetzt worden. Nein, die Aufstellungen der Sicherheitspolizei über die Zahl der in Brand gesteckten Synagogen, Gemeindehäuser und Friedhofskapellen sowie der festgenommenen oder ermordeten Juden dienten lediglich dem Zweck, Ausmaß und Effizienz der grausamen Säuberungsmaßnahmen zu dokumentieren. Schon anhand dieser offiziellen Sachstandsmeldungen, die naturgemäß nur einen Teil der verübten Gewalttaten enthielten, wäre es unmöglich, alle „Tatorte“ zu dokumentieren, an denen in den Jahren zwischen 1933 und 1945 jüdische Bürgerinnen und Bürger misshandelt, geschlagen, gequält, herabgewürdigt und ermordet wurden.

Legte man heutige Rechtsmaßstäbe an, wären die ohnehin schon erschreckend hohen Zahlen der Sicherheitspolizei über die immateriellen und materiellen Verluste und Schäden in der Pogromnacht noch um ein Vielfaches höher. Willkür und Gewalt gegenüber Juden waren damals Bestandteil des Alltags und spielten sich nicht in dunklen Seitengassen, im Verborgenen ab. Jüdische Bürgerinnen und Bürger anzuspucken, vom Bürgersteig zu stoßen oder grob zu beschimpfen, galt spätestens seit Beginn der Nazi-Herrschaft als eine Art Kavaliersdelikt. Als das Unrecht wenig später auch noch Gesetzesrang erhielt, waren die jüdischen Bürgerinnen und Bürger endgültig jeder Form von Willkür und Gewalt preisgegeben.

Bis heute hält sich hartnäckig die Vorstellung, die Ereignisse des 9. November seien der Auftakt zur Judenverfolgung gewesen. Tatsache ist, dass der Terror spätestens mit Hitlers Machtantritt begann. Mit Entsetzen mussten die Verfolgten erkennen, dass der Staat die skrupellosen Täter schützte. Noch gab es Widerstände in der Maschinerie, doch die Gleichschaltung hatte begonnen. Die Hasspropaganda lief von Beginn an auf Hochtouren. Auf der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 wurde die so genannte Endlösung der Judenfrage beschlossen, doch um diesen Beschluss fassen zu können, war vorher viel ideologische, menschenverachtende Arbeit verrichtet worden. Ohne den Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933, die Nürnberger „Judengesetze“ aus dem Jahr 1935, die Zerstörung der Synagogen und die Verhaftung Tausender jüdischer Männer im Jahr 1938 und die Mordaktionen der mobilen Tötungskommandos ab November 1941 in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten der Sowjetunion wären Idee und Umsetzung der Massenvernichtung undenkbar gewesen.

Die Besonderheit des Novemberpogroms bestand unter anderem darin, dass der Nazi-Staat seinen kriminellen Charakter geradezu demonstrativ zur Schau stellte. Brandstiftung, Vandalismus, Demütigung der Juden und Zerstörung ihrer Gotteshäuser waren öffentlich. Die Strategie von Provokation und Einschüchterung ging auf. Die gaffenden Zuschauer, Passanten und Nachbarn verhielten sich bis auf mutige Ausnahmen passiv. Den Anordnungen der Obrigkeit wurde nach bester Biedermann-Manier Folge geleistet. Zeitungen und Medien berichteten offen und feierten die Vorkommnisse als nationale Tat. Zwischen Behörden und der Bevölkerung schien Einvernehmen darüber zu herrschen, dass man es den als Fremden ausgegrenzten Juden einmal zeigen müsse. Weitgehende Übereinstimmung herrschte auch darüber, dass die brutal misshandelten, ermordeten Bürger selbst die Schuld für ihr Unglück trugen. Nicht die Mehrheitsgesellschaft, die es nicht fertig brachte mit einer Minderheit friedlich zu leben, stellte sich in Frage, sondern die Minderheit wurde zum vernichtenswerten Problem erklärt. In grausamer Folgerichtigkeit und bestärkt durch die Zurückhaltung der Bevölkerung ließen die Machthaber dem Pogrom eine zweite Gesetzgebungswelle folgen, die den Juden die letzten Rechte nahm. Ziel war es, sie in die Emigration zu zwingen beziehungsweise die Phase der systematischen Vernichtung eines ganzen Volkes einzuleiten.

Die Zahl der während des Nazi-Regimes zu Tode gekommenen und ermordeten Menschen wäre noch um ein vielfaches höher, würden auch all jene Menschen eingerechnet, die an ihrer Todesangst, der Sorge um Angehörige und Freunde und dem ständigen Gefühl der Bedrohung zugrunde gingen. Nie werde ich die tragische Familiengeschichte meines engen und unvergessenen Freundes, des beliebten Showmasters Hans Rosenthal vergessen. Sein Vater, Kurt Rosenthal, arbeitete bei der Deutschen Bank und wurde 1937 wegen seines Glaubens als einer der letzten jüdischen Angestellten entlassen. Die mit dieser Ächtung einhergehenden Diskriminierungen schwächten den gesundheitlich angeschlagenen Mann zusätzlich. Nur wenige Monate nach seiner Entlassung starb Kurt Rosenthal im Alter von nur 37 Jahren an den fortgesetzten Demütigungen, die seinen Lebenswillen gebrochen hatten. Sein Sohn Hans schrieb Jahrzehnte später in seinen beeindruckenden Erinnerungen: "Erspart blieb meinem Vater zunächst einmal das Schockerlebnis der 'Reichskristallnacht'. Sie hat den deutschen Juden, die glaubten, zum Schlimmsten werde es nicht kommen und das deutsche Volk werde diese Barbarei nicht hinnehmen, auf einen Schlag alle Illusionen genommen. (…) Feindseligkeit umgab uns. Eine unheimliche Atmosphäre des Hasses und des Unheils hatte sich zusammengezogen. Für mich, den Dreizehnjährigen, zerbrach endgültig eine Welt, die schon schwer beschädigt war. Bald sollten für uns Juden die Lichter ausgehen."

Heute leben wieder rund Hunderttausend Juden in Deutschland. Dies ist ein eindrücklicher Beweis dafür, dass wir schon lange nicht mehr auf den sprichwörtlichen „gepackten Koffern“ sitzen, dass wir angekommen sind und Vertrauen gefasst haben in die Festigkeit der demokratischen, rechtsstaatlichen Strukturen der Bundesrepublik Deutschland. Und doch: Die in Deutschland lebenden Juden sind nach wie vor Mitglieder einer verfolgten Minderheit. Auch das wird in der erwähnten Ausstellung „Berliner Tatorte“ anhand der vorgestellten Fälle auf bedrückende Weise dokumentiert. Und wahr ist leider auch, dass allein schon im Jahr 2005 die Zahl der rassistischen und antisemitischen Gewalttaten in ganz Deutschland so hoch ist, dass sie sich in einer Ausstellung unter dem möglichen Titel „Deutsche Tatorte“ niemals umfassend oder gar abschließend darstellen ließe. Allein in den Jahren 2000 bis 2004 registrierte die Polizei bundesweit knapp 60.000 rechtsextremistische Straftaten, darunter mehr als 4000 Gewaltdelikte. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2005 kamen nach einer vorläufigen Statistik des Bundesinnenministers 4600 Straftaten hinzu. Auf ganz andere Weise als in den dunklen Jahren zwischen 1933 und 1945 sind Rassismus und Antisemitismus auch heute fast schon wieder eine Alltäglichkeit. Die Schändung von jüdischen Friedhöfen, das Beschmieren von Wänden mit Hassparolen oder die bei den jüdischen Gemeinden und dem Zentralrat eingehenden Schmähungen und Beschimpfungen schlimmster Art finden aufgrund ihrer Häufigkeit kaum noch Erwähnung in den Medien.

Angesichts dieser bedrückenden Fakten drängt sich die Frage auf, was eigentlich aus dem so genannten „Aufstand der Anständigen“ geworden ist, der vor fünf Jahren ausgerufen wurde. Damals wurde der 3. Oktober von einem Ereignis überschattet, das hier in Düsseldorf stattfand. In der Nacht zuvor waren Brandflaschen gegen die Synagoge in Düsseldorf geflogen. Der materielle Schaden blieb gering, da eine couragierte Frau die Flammen austrat. Die Empörung über die Tat war jedoch gewaltig und erfasste große Teile der Bevölkerung. Einen Tag nach dem Anschlag rief Bundeskanzler Gerhard Schröder in Düsseldorf den „Aufstand der Anständigen“ aus. Sein wütender Appell: „Wegschauen ist nicht mehr erlaubt!“ stieß auf breite Zustimmung. Jahre später konstatieren wir einen ungebremst zunehmenden Anstieg von rechtsextremistischen Straftaten. Eine ernüchternde, für die Minderheiten im Land beunruhigende Bilanz. Eine Bilanz, die die neue Bundesregierung hoffentlich dazu veranlassen wird, die Bekämpfung des bedrohlichen, demokratiefeindlichen Treibens der rechten Gewalttäter zu einem Schwerpunkt ihres Regierungshandelns zu machen. Dies ist umso dringlicher, als die Statistiken der Innenbehörden die Realität nur zu einem Teil abbilden. Die besonders in Ostdeutschland besorgniserregend voranschreitende Rechtsradikalisierung in den Köpfen vieler Jugendlicher ist in diesem Zahlenmaterial nicht einmal ansatzweise erfasst.

Entsprechend zwiespältige Empfindungen kamen auch in den Gesprächen mit den Überlebenden des Nazi-Terrors zum Ausdruck, die zu den Gedenkveranstaltungen anlässlich des 60. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager aus aller Welt angereist waren. Bei allem Vertrauen in die inzwischen erreichte Stabilität der deutschen Demokratie waren die hoch betagten Frauen und Männer zugleich irritiert angesichts der regionalen Wahlerfolge der Rechtsextremen oder den Meldungen über rechte Straftaten. Deutlich spürbar war die Bedrückung darüber, dass das eigene Schicksal und das der qualvoll umgekommenen Lagerkameraden womöglich umsonst gewesen sein sollten. Eine Sorge, die ich mit Nachdruck zu zerstreuen suchte. Ich tat dies mit ehrlicher Überzeugung und dem Vertrauen in die doch zahlreichen Menschen in unserem Land, die die Sorgen der in Deutschland lebenden Minderheiten ernst nehmen. Menschen, die in den vergangenen Jahrzehnten mitgeholfen haben und in Zukunft mithelfen werden, die Erinnerung an das größte Menschheitsverbrechen aller Zeiten zu bewahren und an die nächste Generation weiterzugeben.

Zum Abschluss soll noch einmal Hans Rosenthal zu Wort kommen. Im Vorwort seiner Autobiographie mit dem Titel „Zwei Leben in Deutschland“ findet sich folgende bedenkenswerte Feststellung: "Mein eigenes Leben (…)", so das Resumée von Rosenthal, "war wie ein verkleinertes Spiegelbild dessen, was diesem Lande widerfahren ist, das ich – trotz oder gerade wegen der Leidenszeit, die mir auferlegt war – als Vaterland empfinde. Aus der Zeit totaler Verdunkelung ging der Weg der Deutschen in helles Licht. Es war manchmal grell und nicht immer wärmend. Aber es war ein Glücksfall vor dem Hintergrund der Kälte, aus der es keinen Ausweg zu geben schien." Wie Hans Rosenthal hoffe ich im Namen aller Opfer und Überlebenden der Reichspogromnacht und des Holocaust, dass sich die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft immer wieder dankbar bewusst macht, wie viel Glück den Deutschen in den vergangenen 60 Jahren zuteil wurde. Diese Dankbarkeit ist die beste Grundlage für die Bereitschaft, die Erinnerung an das Unfassbare wach zu halten; aber auch für ein von Toleranz und Weltoffenheit geprägtes gesellschaftliches Miteinander.

Es gilt das gesprochene Wort!