08.11.2005

Synagogen im Mittelalter

Virtuelles Archiv entreißt Kulturschätze dem Vergessen

Wie sahen Synagogen im Mittelalter aus? Wo gab es überhaupt welche? Diese und ähnliche Fragen über mittelalterliche Synagogen versuchen die Verantwortlichen des „Synagogen-Internet-Archivs“ der Darmstädter Technischen Universität ab 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht, unter www.synagogen.info zu beantworten.

Nur wenige bauliche Zeugnisse mittelalterlicher Synagogen künden heute noch von der Kultur des mittelalterlichen Judentums im deutschsprachigen Raum. In den Städten des Mittelalters hatten die Synagogen als architektonische Repräsentanten der jüdischen Bevölkerung ihren selbstverständlichen Platz im Stadtgefüge – wenngleich die Stadtverwaltungen einen erheblichen Einfluss auf die Standortfrage und das architektonische Erscheinungsbild hatten. Wie bei den jüdischen Gotteshäusern des 19. und 20. Jahrhunderts spiegelt sich so auch in den Synagogen des Mittelalters die wechselvolle Geschichte ihrer Baumeister wieder.

In den kommenden Monaten sollen Informationen zu über 240 belegbaren Synagogen des Mittelalters in Deutschland und Österreich in die Datenbank aufgenommen werden. Den Anfang machen etwa 30 erhaltene oder archäologisch dokumentierte Bauten, dazu zählen u.a. die erst in jüngster Zeit wieder entdeckten Synagogen in Regensburg, Marburg an der Lahn, Wien und Erfurt.

Das Synagogen Portal, das seit 9. November 2002 online ist, gestattet der Öffentlichkeit erstmals einen Überblick über die mehr als 2000 Synagogen in Deutschland, die 1933, zur Zeit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, noch in Benutzung oder als Gebäude vorhanden waren. Bereits seit 1994 beschäftigen sich Professoren und Studenten des Darmstädter Fachbereichs mit der Rekonstruktion zerstörter Synagogen am Computer. Als virtuelle Bauwerke erinnern sie an die architektonische Blüte deutsch-jüdischer Kultur und machen gleichzeitig auf den schmerzlichen kulturellen Verlust aufmerksam.

Internet-Nutzer, die auf den Seiten die Möglichkeit haben, Beiträge zu einzelnen Synagogen direkt hinzuzufügen, haben über 2000 Bilder, Zeitzeugenberichte, Kommentare, Literaturhinweise oder Links eingestellt und das Portal somit zu einer wichtigen Quelle für Forschung und Erinnerung gemacht.

Der Vize-Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Salomon Korn, würdigt die Bedeutung des Darmstädter Internet-Projekts, dessen Stellenwert „nicht hoch genug eingeschätzt werden kann“: „Durch die virtuelle Präsentation wird der Verlust unzähliger Synagogen dem Vergessen entrissen.“

Berlin, den 8. November 2005/6. Cheschwan 5766