4. Jahrgang Nr. 2 / 27. Februar 2004 - 5. Adar 5764

14. Adar - PURIM

Dr. Joel Berger, Landesrabbiner a.D.

Im Monat Adar begehen wir das Purim-Fest, den heiteren Höhepunkt des jüdischen Jahres. Es ist daher verständlich, wenn man dieses Fest, das nur einen einzigen Tag dauert, etwas ausdehnen und verlängern möchte. Die Quelle der Freude liegt in jenen Ereignissen, die uns das biblische Buch Esther, die Lektüre des Festes, überliefert: Die Heldin des Buches, eine jüdische Frau wird Königin in Alt-Persien. So gelingt es ihr mit Hilfe ihres Onkels Mordechaj, die Juden Persiens vor der drohenden Ausrottung durch den Bösewicht, Minister Haman, zu vereiteln. Nur ein einziges Mal traten im Altertum Juden aus einer Auseinandersetzung siegreich hervor und konnten so ihr Leben retten! Dies ist sicherlich ein hinreichender Grund für ein ausgelassenes Fest.

Was das Esther Buch und seine Aussage betrifft, waren sich die Rabbiner unschlüssig über seinen bleibenden Wert: Die Gelehrten behaupteten, dass sich bis zum Auftritt des persischen Bösewichts Haman noch nie ein Präzedenzfall ergeben hatte, bei dem das gesamte jüdische Volk eines Weltreiches ausgerottet werden sollte. Darum, so die Rabbiner, sei diese Geschichte einmalig. Spätere Generationen würden die Geschichte nicht nachvollziehen oder verstehen können, deshalb müsse das Buch auch nicht in den biblischen Kanon aufgenommen werden. Viele Gelehrte beurteilten die Esther-Geschichte als völlig irrelevant, da sie sich, ihrer Meinung nach, nicht wiederholen würde, so dass kommende Geschlechter aus der Geschichte also keinen Nutzen ziehen könnten.

Die Geschichte bestätigte jedoch auf grausame Weise die Meinung derjenigen, die die Vorfälle dieses geplanten Genozids für wiederholbar hielten und bereit waren, die Esther-Geschichte als einen Teil der Schrift zu bewahren. Esther wird vom Talmud als eine der sieben Prophetinnen der Israeliten gewertet. Die Aussage ihres Buches ist dem Talmud zufolge eine Botschaft über Zeit und Raum hinaus; Esther erkannte instinktiv, dass sich diese Existenzbedrohung wiederholen könne. Darum nahmen die Weisen letztendlich Esthers „Antrag“ an und hielten die Purimgeschichte in die Heilige Schrift fest.