5. Jahrgang Nr. 9 / 30. September 2005- 26 Elul 5765

Jüdischer Friedhof soll Weltkulturerbe werden

Jüdische Gemeinde zu Berlin will, dass 42 Hektar große Areal in UNESCO-Liste aufgenommen wird

Wilde Natur, zerstörte Grabsteine, verschlungene Pfade, Efeu und alte Kastanien – Spaziergänger zieht der Jüdische Friedhof in Weißensee allenthalben magisch an, doch der Schein trügt: Das 42 Hektar große Gelände verfällt zusehends, Sanierung und Restaurierung übersteigen die finanziellen Kapazitäten des Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Deshalb wünscht sie sich und fordert die Anerkennung des Friedhofs als UNESCO-Weltkulturerbe. Und der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, geht sogar noch weiter: Er will, dass der Bund das Areal übernimmt und die Kosten der Sanierung trägt. Dafür will sich Wowereit bei der Bundesregierung einsetzen. Das geht aus einem Brief an den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Albert Meyer, hervor. Der Regierende Bürgermeister misst der Gräberstätte in dem Schreiben «nationale Bedeutung» zu. Die Berliner Jüdische Gemeinde appellierte an die Weltgemeinschaft, den Friedhof als großes Zeugnis jüdischen Lebens in Deutschland zu erhalten. Mit seinen 115 500 Gräbern sei er der größte jüdische Friedhof in Europa.

Allein könne die Gemeinde das 125 Jahre alte Areal nicht retten, sagte Meyer. Er bezifferte die Kosten für eine Restaurierung auf mindestens 40 Millionen Euro. Um viele der Gräber würde sich niemand mehr kümmern, weil Nachkommen der Bestatteten während des NS-Regimes ermordet wurden. Grabmonumente sind von Efeu überwuchert oder eingebrochen, Wurzeln untergraben Fundamente. Die Hälfte des Geldes wird beispielsweise für die Instandsetzung der etwa 100 Kilometer Wege sowie der Wasserleitungen auf dem Areal benötigt. Die derzeitigen Zuschüsse vom Berliner Senat sowie Spenden – zusammen etwa 600.000 € pro Jahr - reichten bei weitem nicht aus. Die Gemeinde hoffe auf Geld von der UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation).

Weite Teile des 42 Hektar großen Geländes sind heute kaum noch zugänglich. Im Unterschied zu vielen anderen jüdischen Friedhöfen gibt es dort viele große und prunkvolle Grabmale. Viele sind jedoch umgestürzt oder drohen umzufallen. Efeu und Sträucher überwuchern viele Wege. «Hier ist es fünf vor zwölf», sagte Meyer. Der Massenmord an den Juden in der Zeit des Nationalsozialismus habe die Gemeinde derart dezimiert, dass sie mit ihren 12 000 Mitgliedern noch heute zu klein sei, um den riesigen Friedhof in Stand zu halten. Die Namen auf den zum Teil extrem verfallenen Grabsteinen lesen sich wie ein Who’s who jüdischen Lebens des vergangenen Jahrhunderts. In Weißensee finden sich die Grabstätten der Eltern von Kurt Tucholsky, der Verleger Samuel Fischer und Rudolf Mosse, des Journalisten Theodor Wolff, des Malers Lesser Ury, des Philosophen Hermann Cohen, des Industriellen Emil Rathenau, des Mediziners Albert Fraenkel, des Warenhausbegründers Hermann Tietz (Hertie) oder des Restaurantbesitzers Berthold Kempinski. Im März 1943 wurde an der Herbert-Baum-Straße auch die 85jährige Martha Liebermann, die Witwe des bedeutenden jüdischen Impressionisten Max Liebermann, beigesetzt. Sie hatte sich mit Schlafmitteln vergiftet, um der Deportation in die Vernichtungslager zu entgehen. Auch der Ende 2001 in Israel gestorbene Schriftsteller Stefan Heym wurde hier beerdigt. Auf ihrer Liste des Welterbes verzeichnet die UNESCO 812 Denkmäler in 137 Ländern. Deutschlandweit gibt es mehr als 30 Einträge, darunter die Berliner Museumsinsel, die Wartburg in Eisenach, die Essener Zeche Zollverein, die Würzburger Residenz und die Altstadt von Lübeck.

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin denkt für den Fall, dass es mit der UNESCO nicht klappt, darüber nach, die notwendigen Sanierungen mit finanzieller Hilfe privater Sponsoren oder Unternehmen alleine durchzuführen.

zu/dpa