5. Jahrgang Nr. 9 / 30. September 2005- 26 Elul 5765

Im Namen des Volkes

Leipzig: Die Gemeinde ist erleichtert – sie kann jetzt ihr Begegnungszentrum bauen

Von Heide Sobotka

Rabbiner Salomon Almekias-Siegl ist überglücklich. „Ich habe immer gebetet und daran geglaubt, dass wir es schaffen“, sagt der sächsische Landesrabbiner. Vor einem Monat war es nach über drei Jahren amtlich: Das Oberverwaltungsgericht des Freistaats hat die Klage eines Anwohners aus dem Leipziger Waldstraßenviertel abgewiesen und damit grünes Licht zum Ausbau der ehemaligen jüdischen Ariowitsch-Stiftung zu einem jüdischen Begegnungszentrum gegeben.

Bereits 2002 hatte die Stadt der jüdischen Gemeinde in Leipzig die Baugenehmigung erteilt. Die Gemeinde will die Gebäudekomplexe, bestehend aus Vorderhaus aus dem Jahre 1931 und dem 1938 entstandenen hinteren Gebäude, durch einen Neubau, der weitgehend unterirdisch verlaufen soll, verbinden. Der erste Spatenstich war für den September 2002 geplant, wurde aber durch Nachbarschaftsproteste verhindert. Im Spätsommer 2003 klagten vier Immobilienbesitzer des noblen Viertels, allesamt Architekten und Juristen, die in den 90er Jahren aus den alten Bundesländern nach Leipzig gekommen waren und im schicken Waldstraßenviertel Immobilien erworben und renoviert hatten. Sie begründeten ihre Klagen mit starker Lärmbelästigung durch ein zu erwartendes höheres Verkehrsaufkommen und Parkplatznot. Ein Kläger brachte bautechnische Bedenken vor und führte Sicherheitsaspekte an.

Spätestens als ein Anwohner anführte, die Nutzung des ehemaligen Ariowitsch Hauses als jüdisches Begegnungszentrum passe nicht in die Nutzungsstruktur des Wohnviertels, hegte der Rabbiner eine andere Vermutung. Die Argumente hielt er nur für vorgeschoben, sie verrieten nichts anderes als unterschwelligen Antisemitismus, sagt er. Als die Nachbarschaftsproteste laut wurden, erhielt Rolf Isaacsohn, 2003 Gemeindevorsitzender in Leipzig, einen anonymen Anruf. „Juden sind in unserer unerwünscht‘, sagte der Anrufer und legte auf“, erzählt ein Gemeindemitglied und bestätigt die Vorwürfe des Rabbiners. Auch der Pfarrer der Thomaskirche, Christian Wolff, Vorstandsmitglied im Bürgerverein Waldstraßenviertel und aktiver Befürworter des Ausbaus zum Begegnungszentrum, hielt den Klägern vor, ihre Argumente ständen „in der trüben Tradition des Antisemitismus“.

Vor dem Verwaltungsgericht Leipzig hatten drei Klagen der Anwohner schließlich keinen Bestand. Im September 2004 gab es zwei Jahre nach Erteilung der städtischen Baugenehmigung der jüdischen Gemeinde Recht. Ein Notar aus der Nachbarschaft legte jedoch Berufung ein und brachte vor dem Oberverwaltungsgericht in Bautzen baurechtliche Bedenken vor. Durch den Verbindungsbau würde ein neues Gebäude entstehen und die rechtlich vorgeschriebenen Abstandsflächen des Hauses zu den Nachbargrundstücken würden unterschritten.

Dies hatte nun das Bautzener Gericht letztinstanzlich zu überprüfen. Schließlich gab es einen Ortstermin, an dem auch der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Küf Kaufmann, teilnahm. „Sie haben sich jeden Winkel betrachtet, mit alten und neuen Unterlagen verglichen und immer hin und hergeblättert, dass mir fast der Mut sank“, erzählt Kaufmann. Nach zwei Stunden Besichtigung entschieden die Richter: Es gibt keine Bedenken, das Projekt Begegnungszentrum kann begonnen werden, und wiesen die Klage des Notars ab. Wie Rabbiner Almekias-Siegl ist auch Kaufmann erleichtert und möchte mit dem Bau sobald wie möglich beginnen.

„Wenn das schriftliche Urteil vorliegt, werden Fördermittel frei, und
dann können wir anfangen.“ Am liebsten würde er im November 2006 in das neue Begegnungszentrum einziehen. Der Umzug ist auch dringend notwendig. Die Gemeinde ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Längst hat man die 1000-Mitglieder- Marke überschritten. Die Synagoge in der Löhrstraße ist vor allem für die Gottesdienste an den Hohen Feiertagen viel zu klein geworden. In dem unterirdischen Neubau an der Hinrichsenstraße soll ein Saal für Veranstaltungen mit 300 Plätzen entstehen. Das Begegnungszentrum wird mit Musik-, Sport- und Bastelräumen und einer Küche ausgestattet. Die Carlebach-Stiftung will ebenfalls in das Gebäude einziehen und eine Dauerausstellung über jüdisches Leben in Leipzig, für das gerade das Waldstraßenviertel steht, zeigen. Und die Gemeinde will sich – wie schon während der vergangenen jüdischen Wochen im Sommer offen präsentieren und Gäste einladen.

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 35, 1.9.05