Von Johannes Boie
Fremdes Land, fremde Sprache, fremde Menschen: Das Leben als
Einwanderer ist beileibe kein Zuckerschlecken. Wie hilfreich sind da nette
Worte und helfende Taten! Doch zur Zeit ist in Berlin Vorsicht geboten: Mit
freundlichen Worten und gutem Rat locken Judenmissionare von „Jews for Jesus“
(Juden für Jesus). Die Anhänger der großen amerikanischen Organisation haben es
vor allem auf Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion abgesehen.
„Was da stattfindet ist Seelenraub“, empört sich Rabbiner Joel Berger. „Die
Zielgruppe besteht aus Menschen, die in der ehemaligen Sowjetunion
jahrzehntelang ohne jüdisches Wissen aufwachsen mussten, die in ihrem Glauben
daher auch nicht so gefestigt sind. Die Missionare versprechen ihnen nicht nur
das Seelenheil, sondern auch teilweise noch Job und Wohnung.“ Dabei ist für
Berger klar: „Schon die Formulierung “Juden für Jesus” ist ein
Etikettenschwindel, denn ein Jude, der Jesus als Messias anerkennt, ist kein
Jude mehr.“
In der Tat haben sich die Anhänger der Organisation um ihren
Europa-Chef Avi Snyder der Judenmission verschrieben. Judentum möchten sie auf
Kultur und Herkunft reduzieren. Ein Widerspruch? Nicht für Snyder: „Wenn man
einen Christen trifft, der sagt, er glaube nicht an Gott, dann hat man doch
auch kein Verständnis-Problem“, glaubt Snyder, „warum soll ein Jude nicht sagen
dürfen, er glaube an Jesus? Wir ,Jews for Jesus’, sind 100 Prozent Juden und
100 Prozent Christen.“ Und überhaupt – das ganze sei doch historisch
nachvollziehbar: „Jesus war doch selber Jude! Er ist der jüdische Messias, wie
er in Moses Büchern beschrieben wird. So gesehen ist unsere Organisation 2000
Jahre alt.“
Wer Avi Snyder persönlich trifft, lernt einen außerordentlich
netten Menschen mit außerordentlich starkem Handschlag kennen. Der Europa-Chef
(„European Director“) ist seit 1978 bei “Jews for Jesus”. Sein Verein verfügt
über ein stattliches Budget von 14 Millionen US$ - die finanziellen Ressourcen
verwenden die „Jews for Jesus“ um ihren Glauben zu verbreiten: „Ich bin als
Jude geboren und bin deshalb hinsichtlich meiner Herkunft und meiner
kulturellen Prägung Jude. Was hingegen meinen Glauben betrifft – da bin ich ein
Christ. Denn ich kam zu der Erkenntnis, dass Jesus der einzige Messias ist, der
Retter der Menschen.“
Der Berliner Rabbiner Walter Rothschild sieht das ganz anders. Er
sagt, man sei entweder Jude oder Christ, „beides zusammen geht nicht.“
Rothschild hält die Anhänger der „Jews for Jesus”-Bewegung für „traurige
Idioten“. Er kennt ihre Aktivitäten bereits aus anderen Ländern. „Das ist ein
weltweites Problem“, sagt er. Rothschild, der Mitglied im Kultusausschuss der
Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist, bedauert, dass in Berlin zu wenig gegen deren
Aktivitäten unternommen wird.
Auch der Chef der Berliner Gemeinde, Albert Meyer, lehnt
Judenmission kategorisch ab. Er bezeichnet die Ideen und Aktivitäten der
Missionare als Fehlentwicklung. „Diese Herrschaften gehen davon aus, dass es in
Teilen unserer Gemeinde ein religiöses Vakuum gibt, das sie für ihre Zwecke
nutzen können. Dies ist aber ein Irrglaube.“
Wie aber stehen die Zuwanderer selbst der Judenmission gegenüber?
Wer hinter die freundliche Kulisse der Missionare schaut, erkennt recht
schnell, was die netten Menschen wirklich im Schilde führen: "Ich halte
diese Organisation für höchst gefährlich. Zuwanderer aus den Ländern der
ehemaligen Sowjetunion haben oft kein fundiertes Wissen über Judentum, so dass
sie allzu empfänglich für solche Inhalte sind. Zumal die Vertreter
missionarisch auftreten und ihnen das Blaue vom Himmel versprechen. Aufgrund
der häufig mangelnden Grundkenntnisse über das Judentum besteht die große
Gefahr, dass sie Jesus tatsächlich für den Messias halten", sagt Lena R.,
die selbst aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert ist. Im Moment sieht es
also ganz danach aus, als müssten sich die Missionare in Berlin auf einen
Misserfolg einstellen.
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