5. Jahrgang Nr. 9 / 30. September 2005- 26 Elul 5765

Falscher Heiligenschein

Vorsicht: Amerikanische Organisation versucht, zugewanderte Juden zum Christentum zu missionieren

Von Johannes Boie

Fremdes Land, fremde Sprache, fremde Menschen: Das Leben als Einwanderer ist beileibe kein Zuckerschlecken. Wie hilfreich sind da nette Worte und helfende Taten! Doch zur Zeit ist in Berlin Vorsicht geboten: Mit freundlichen Worten und gutem Rat locken Judenmissionare von „Jews for Jesus“ (Juden für Jesus). Die Anhänger der großen amerikanischen Organisation haben es vor allem auf Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion abgesehen. „Was da stattfindet ist Seelenraub“, empört sich Rabbiner Joel Berger. „Die Zielgruppe besteht aus Menschen, die in der ehemaligen Sowjetunion jahrzehntelang ohne jüdisches Wissen aufwachsen mussten, die in ihrem Glauben daher auch nicht so gefestigt sind. Die Missionare versprechen ihnen nicht nur das Seelenheil, sondern auch teilweise noch Job und Wohnung.“ Dabei ist für Berger klar: „Schon die Formulierung “Juden für Jesus” ist ein Etikettenschwindel, denn ein Jude, der Jesus als Messias anerkennt, ist kein Jude mehr.“

In der Tat haben sich die Anhänger der Organisation um ihren Europa-Chef Avi Snyder der Judenmission verschrieben. Judentum möchten sie auf Kultur und Herkunft reduzieren. Ein Widerspruch? Nicht für Snyder: „Wenn man einen Christen trifft, der sagt, er glaube nicht an Gott, dann hat man doch auch kein Verständnis-Problem“, glaubt Snyder, „warum soll ein Jude nicht sagen dürfen, er glaube an Jesus? Wir ,Jews for Jesus’, sind 100 Prozent Juden und 100 Prozent Christen.“ Und überhaupt – das ganze sei doch historisch nachvollziehbar: „Jesus war doch selber Jude! Er ist der jüdische Messias, wie er in Moses Büchern beschrieben wird. So gesehen ist unsere Organisation 2000 Jahre alt.“

Wer Avi Snyder persönlich trifft, lernt einen außerordentlich netten Menschen mit außerordentlich starkem Handschlag kennen. Der Europa-Chef („European Director“) ist seit 1978 bei “Jews for Jesus”. Sein Verein verfügt über ein stattliches Budget von 14 Millionen US$ - die finanziellen Ressourcen verwenden die „Jews for Jesus“ um ihren Glauben zu verbreiten: „Ich bin als Jude geboren und bin deshalb hinsichtlich meiner Herkunft und meiner kulturellen Prägung Jude. Was hingegen meinen Glauben betrifft – da bin ich ein Christ. Denn ich kam zu der Erkenntnis, dass Jesus der einzige Messias ist, der Retter der Menschen.“

Der Berliner Rabbiner Walter Rothschild sieht das ganz anders. Er sagt, man sei entweder Jude oder Christ, „beides zusammen geht nicht.“ Rothschild hält die Anhänger der „Jews for Jesus”-Bewegung für „traurige Idioten“. Er kennt ihre Aktivitäten bereits aus anderen Ländern. „Das ist ein weltweites Problem“, sagt er. Rothschild, der Mitglied im Kultusausschuss der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist, bedauert, dass in Berlin zu wenig gegen deren Aktivitäten unternommen wird.

Auch der Chef der Berliner Gemeinde, Albert Meyer, lehnt Judenmission kategorisch ab. Er bezeichnet die Ideen und Aktivitäten der Missionare als Fehlentwicklung. „Diese Herrschaften gehen davon aus, dass es in Teilen unserer Gemeinde ein religiöses Vakuum gibt, das sie für ihre Zwecke nutzen können. Dies ist aber ein Irrglaube.“

Wie aber stehen die Zuwanderer selbst der Judenmission gegenüber? Wer hinter die freundliche Kulisse der Missionare schaut, erkennt recht schnell, was die netten Menschen wirklich im Schilde führen: "Ich halte diese Organisation für höchst gefährlich. Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion haben oft kein fundiertes Wissen über Judentum, so dass sie allzu empfänglich für solche Inhalte sind. Zumal die Vertreter missionarisch auftreten und ihnen das Blaue vom Himmel versprechen. Aufgrund der häufig mangelnden Grundkenntnisse über das Judentum besteht die große Gefahr, dass sie Jesus tatsächlich für den Messias halten", sagt Lena R., die selbst aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert ist. Im Moment sieht es also ganz danach aus, als müssten sich die Missionare in Berlin auf einen Misserfolg einstellen.