5. Jahrgang Nr. 9 / 30. September 2005- 26 Elul 5765

­­Wie wir uns auf das neue Jahr vorbereiten

Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart, über Rosch Haschana und Jom Kippur 5766

Die Neujahrstage wecken Erinnerungen in uns, lassen uns in unsere Vergangenheit hineinhorchen, um das Fest gemäß unserer Traditionen aufs Neue gestalten zu können. Wir stellen uns unter die Obhut des Herren der Gnade und Barmherzigkeit. Und wir stellen uns den Taten und Handlungen des abgelaufenen Jahres. Wir wollen sie auch nochmals prüfen und uns womöglich im Neuen Jahr ändern, bessern...

Das jüdische Neujahrsfest, wie auch der darauffolgende Jom Kippur (Versöhnungstag) besitzen eine umfangreiche Palette von volkstümlichen Sitten und Bräuchen, die sich vornehmlich dazu eignen, die festliche Stimmung in uns zu stärken und zu festigen. Einige von ihnen möchte ich hier darstellen.

1.) In den Tagen vor Rosch Haschana, vor dem Neujahrsfest, ist es Brauch, die Gräber der Eltern und Großeltern zu besuchen. An den Gräbern sollte sich der Besucher pietätvoll an den frommen Lebensweg der Ahnen erinnern, um an den Hohen Feiertagen mit reinem Gewissen um Gnade für uns flehen zu können. Angesichts dieser Sitte, kann ich nicht verschweigen, dass dies für viele von uns fast unmöglich ist. Wie könnten sich denn all diejenigen am Grabe ihrer Eltern rüsten, die nicht einmal wissen, wo ihre Eltern, Großeltern umgebracht wurden und wo sie ihre letzte Ruhe fanden. So hat es sich in unseren Gemeinden eingebürgert, dass man auf unseren Friedhöfen die Gedenktafel der Ermordeten Märtyrer unseres Volkes aufsucht, um dort das Kaddischgebet zu sprechen.

2.) Vielerorts ist es üblich vor den Feiertagen die „Mikwe“ zu besuchen. Mit diesem Besuch sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass – so die Auffassung unserer Meister - die seelische Reinheit und die körperliche Sauberkeit in einer Beziehung stehen. Zu den Hohen Feiertagen geht es um die Einheit aus reiner Seele und Gewissen.

3) Die Speisekarte der Festtage ist besonders reichlich und auch symbolträchtig. Zu Ehren des Festes wird der Barches rund geformt, Rosinen werden in den Teig gegeben, da wir uns ein süßes Jahr wünschen, ohne Bitterkeiten. Der Barches wird nach der Bracha in Honig getaucht und nicht, wie sonst üblich, in Salz. Außerdem werden noch in Honig getauchte Apfelscheiben gereicht.

4) In der Synagoge ertönt der Schofar, das Widderhorn, das inmitten der Festliturgie geblasen wird.

Gleich drei Namen trägt in der jüdischen Welt der bedeutendste Tag des Jahres: „Jom Kippur“ heißt „Versöhnungstag“, „Jom Hadin“ bedeutet der Tag, an dem der Herr ein Urteil über uns, über unsere Zukunft und unser Schicksal im kommenden Jahr fällt. Und zuletzt wird dieser Tag volkstümlich „Jom Hakadosch“ , der „Heilige Tag“ genannt. Ein so bedeutender Fasttag bedarf vielerlei Vorbereitungen. Die meisten von uns überdenken in den Tagen zwischen dem Neujahrsfest und Jom Kippur die wesentlichen Stationen des vergangenen Jahres. Wir führen zumeist gemeinsam in der Gemeinschaft mannigfaltige, symbolische Handlungen durch, um uns auf diese Weise auf Buße und Umkehr vorzubereiten.

Da Jom- Kippur - Tages der G-ttesdienstes – am Vorabend beginnt, segnet der Vater die Kinder und die Angehörigen zu Hause mit dem traditionellen Segensspruch aus dem 4. Mosebuch: „Der Herr segne dich und behüte dich, Er wende sein Antlitz zu Dir...“ In der Synagoge angekommen, begrüßen wir all unsere Freunde mit einem innigen Händedruck. Die jüdisch-ethische Auffassung verlangt von uns, dass wir uns für den Schaden oder die Kränkung, die man den Mitmenschen zugefügt hat, individuell entschuldigen. Der Jom- Kippur - so die Rabbinen des Altertums - könne kein Vergehen sühnen, das wir anderen angetan haben. Man wünscht einander in übertragenem Sinne „… mögest Du (von G-tt) ins Buch des Lebens eingetragen und darin besiegelt werden ...“. Dann beginnt der G-ttesdienst mit der vielleicht ergreifendsten Melodie der jüdischen Liturgie: mit dem Kol Nidre. Es beinhaltet eine feierliche Erklärung, in der man kundtut , dass jegliche Verpflichtungen, die man im Laufe des letzten Jahres leichtsinnig aussprach, vor dem Herren und vor der Gemeinschaft als ungültig betrachtet werden mögen. Selbstredend müssen die Versprechungen, die andere betreffen mit viel größerer Sorgfalt gehalten werden. Versöhnung an diesem Tag bedeutet auch, zu den eigenen Aussagen zu stehen.