5. Jahrgang Nr. 9 / 30. September 2005- 26 Elul 5765

Das Jahr des Erinnerns und Gedenkens

Grußwort zu den Hohen Feiertagen von Zentralratspräsident Paul Spiegel

Zwölf Monate auf einen Blick: Israelische Siedler müssen Ende August Netzarim im Gaza-Streifen verlassen, Bundespräsident Horst Köhler (M) und Überlebende des Holocaust am 27. Januar bei der Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, Kardinal Ratzinger zelebriert die Beisetzungsfeierlichkeiten für den verstorbenen Papst Johannes Paul II. am 8. April in Rom und Spuren der Verwüstung nach dem Tsunami auf der Insel Pra Thong im Norden von Thailand. Fotos:dpa

Ich möchte die Gelegenheit des bevorstehenden Jahreswechsels nutzen und mit Ihnen gemeinsam auf die vergangenen zwölf ereignisreichen Monate zurückblicken: Das Jahr 5765 (2004/2005) war geprägt von Veranstaltungen aus Anlass des 60. Jahrestages des Kriegsendes und der Befreiung der Konzentrationslager. Von den zahlreichen Gedenkfeiern bleiben vor allem die bewegenden Momente nachhaltig im Gedächtnis: Am 25. Januar 2005 erinnert die UN erstmals in einer Feierstunde an den 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, Jorge Semprun hält in Buchenwald eine tief emotionale Rede, die uns eindrücklich daran erinnert, dass an künftigen Festakten immer weniger Zeitzeugen teilnehmen werden und Sabina van der Linden, eine Überlebende des Holocaust, schildert bei der Eröffnung des Holocaust-Mahnmal am 10. Mai, wie sie als Elfjährige unglaubliche Verbrechen mit ansehen musste und wie sie es sich niemals hätte träumen lassen, eines Tages für die Toten und Überlebenden in Berlin sprechen zu dürfen.

Bei den zahlreichen Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel überwog die Freude über das bisher Erreichte – doch sind diese Beziehungen keine Selbstverständlichkeit. Der Generationenwechsel ist auf beiden Seiten zu spüren.

Seit dem Tod des langjährigen Palästinenserführers Yassir Arafat am 11. November keimt im Nahen Osten wieder die leise Hoffnung auf, dass durch die Wahl seines Nachfolgers, Machmud Abbas, ein Wendepunkt in dem jahrzehntelangen Konflikt markiert werden könnte. Um der dringend notwendigen Friedenslösung einen Schritt nähern zu kommen, hat Israel sich aus dem Gazastreifen zurückgezogen. Dieser historische Moment ist mit vielen Existenzängsten auf Seiten der Bürger Israels verknüpft. Ihnen möchte ich an dieser Stelle meine Solidarität aussprechen. Frieden für Israel und die gesamte Region bleibt einer der wichtigsten Wünsche und Hoffnungen für das kommende Jahr.

Der Tod von Papst Johannes Paul II. und sein würdevolles Sterben nach schwerer Krankheit haben eine ungeahnte Sympathiewelle ausgelöst und das menschliche Bedürfnis nach spirituellen Quellen deutlich gemacht. Von seinem Nachfolger, Papst Benedikt XVI., hoffen wir, dass er den Weg des Dialogs „mit den älteren Brüdern im Glauben“ (Papst Johannes Paul II.) weitergehen und fördern wird. Der Besuch des Papstes in Köln anlässlich des Weltjugendtags und seine Teilnahme an der Feierstunde in der Kölner Synagoge vor wenigen Wochen waren ein historisches Zeichen und deutliches Signal, dass auch er sich für die christlich-jüdische Verständigung einsetzen will.

Als am 26. Dezember in Südost-Asien die Erde bebte, als der Tsunami mehr als 230.000 Menschen in den Tod riss und Millionen im Bruchteil einer Sekunde ihr gesamtes Hab und Gut verloren hatten, hielt die Welt den Atem an, waren die Macht der Natur und die Hilflosigkeit der Zivilisation allgegenwärtig. Die darauffolgende Solidaritätswelle war ein Zeugnis der Menschlichkeit und ein Zeichen der Hoffnung.

Mit einer Erschütterung ganz anderer Art hatte das jüdische Jahr 5765 begonnen: In Sachsen und Brandenburg zogen Vertreter rechtsextremistische Parteien in die Landtage. Die nunmehr veränderte politische Landschaft in Deutschland zeigt, dass rechtes Gedankegut längst wieder salonfähig geworden ist. Alle demokratischen Kräfte sind mehr den je aufgerufen, die Feinde der Verfassung nicht zu tolerieren und Konsequenzen aus diesem politischen Debakel zu ziehen. Der „Tag der Demokratie“ am 8. Mai hat gezeigt, dass es in Deutschland eine breite Öffentlichkeit gibt, die sich mutig rechter Hetze entgegenstellt. Deutschland präsentierte sich vor der Welt als gefestigte Demokratie, die aus der Geschichte gelernt hat und bereit ist, seine Werte zu verteidigen. Dies war für mich persönlich eine Bestätigung meines Engagements für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland.

Die Integration jüdischer Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, das Zusammenwachsen und die Förderung der jüdischen Kultur bleiben als Herausforderungen bestehen. Ich möchte uns alle dazu aufrufen, diesen spannenden Prozess konstruktiv und kreativ mitzugestalten.

Ich wünsche Ihnen ein friedliches und schönes neues Jahr. „Shana tova u metuka!“

Zukunft 5. Jahrgang Nr. 9
Zukunft 5. Jahrgang Nr. 9