5. Jahrgang Nr. 8 / 26. August 2005 - 21. Aw 5765

Alles ist plötzlich ganz nah

Eine Theaterinszenierung zur deutsch-jüdischen Vergangenheitsbewältigung in Hildesheim

Von Ulf Meyer

Die Aufführung von „Guests of the City“ wurde nicht nur für die Besucher des Hildesheimer Stadttheaters zu einem Bühnenereignis: Vielmehr ist das Stück auch der Beweis für einen neuen Weg der deutsch-jüdischen Vergangenheitsbewältigung. Der 1935 in Deutschland geborene amerikanische Jude Gustav Gutman verarbeitet darin als Autor seine Kindheitserinnerungen im „Dritten Reich“.

1998, 50 Jahre nach der Reichspogromnacht, wurde Gutman aus Austin/Texas von seiner Heimatstadt Hildesheim eingeladen. Der drahtige, weltoffene Chemiker, der seither regelmäßig nach Hildesheim kommt, wurde herzlich aufgenommen und traf immer wieder auf Menschen, die ihn als Kind gekannt hatten. „Am Anfang fühlte ich mich sehr komisch“, sagt Gutman “als ich ältere Menschen in unserem Hotel sah, habe ich mich gefragt, was sie wohl während der Nazi-Diktatur gemacht haben“.

So wurden die Erinnerungen an seine Kindheit in Nazi-Deutschland für Gutman plötzlich wieder lebendig und es entstand die Idee, die ersten Jahre seines Lebens in Theaterszenen nach zu spielen.

Bühnenerfahrung hatte Gutman bereits im Opernchor in Austin gemacht. Jan Hellwig, Musikdozent der Hildesheimer Universität, griff die Idee spontan auf und setzte sie mit seinen Studenten um. Gemeinsam mit dem Autor entstand eine moderne und lebendige Inszenierung im Hildesheimer Stadttheater mit eingeblendeten Fotos vom Leben des Autors und seiner deutschen Heimat, Dokumentarfilmszenen der Zerstörung der Stadt und neuen Kammermusikkompositionen. Gutman ließ sich nach einigem Zögern sogar dazu überreden, die Rolle des Erzählers zu übernehmen und seinen Vater darzustellen. Die Zuschauer konnten Mut, Selbstbeherrschung und Versöhnungsbereitschaft des Autors förmlich spüren. Die Ernsthaftigkeit der Studenten beim Spiel zeigte ihre starke innere Anteilnahme trotz der meist stummen Rollen. Ihre Sprachlosigkeit wirkte ehrlich.

Erzählt wird die Geschichte der Familie Gutman: Sie wurde gezwungen, auf den Dachboden ihres Mietshauses zu ziehen, der Zugang zur chemischen Reinigung von Gustavs Vater wurde seinen Kunden erschwert und seine Mutter konnte ihren „Hanomag“ nicht mehr fahren, weil ihr als Jüdin der Führerschein entzogen worden war, Gustavs Spielgefährten mussten sich von ihm zurückziehen, das geliebte Kindermädchen durfte bei der jüdischen Familie nicht mehr arbeiten und an den Ortseingängen der Stadt wurden Schilder mit der Aufschrift “Juden hier in Hildesheim unerwünscht!“ aufgestellt. Die nach langem Warten bewilligte Emigration der Familie 1939 über England in die USA war ihr einziger Ausweg, nachdem der Vater vorübergehend verhaftet worden war. Gutman, der jahrzehntelang nur Englisch gesprochen hatte, konnte sich erstaunlich schnell wieder in seiner Muttersprache ausdrücken und benutzte sie beherzt auf der Bühne.

Im Mittelpunkt der Aufführung stand nicht der Holocaust im Allgemeinen, sondern Gutmans Erleben der Ausgrenzung seiner Familie, der erst die Freiheit, dann ihre berufliche Basis und schließlich alles genommen wurde. Den Eltern Gutmans, die begeisterte Theaterabonnenten waren, wurde nach dem Erlass der Rassegesetze der Zugang zum Hildesheimer Stadttheater verwehrt, in dem die beiden Aufführungen jetzt stattgefunden haben. Die bewegenden Theaterabende machten dem aufmerksamen Publikum unmissverständlich klar: Das Unrecht war in der eigenen Stadt geschehen! Die eigene Geschichte war plötzlich ganz nah.

Als Zeichen des Bedauerns über das geschehene Leid laden viele deutsche Städte jüdische Bürger bis heute ein, ihre alte Heimat zu besuchen – so auch Hildesheim. Seit 1986 kehren die ehemals ausgegrenzten Bürger aus aller Welt zurück, um - je nach Temperament - entweder öffentlich über ihre schrecklichen Erfahrungen zu berichten oder sich Einzelnen, zu denen sie nur zögernd Vertrauen fassen, zu öffnen. Der Besuch von Gustav Gutman in diesem Jahr führte zu einem Kulturereignis, das über Hildesheim hinaus wirkt und dem man in seiner Beispielhaftigkeit weitere Verbreitung wünscht.