4. Jahrgang Nr. 2 / 27. Februar 2004 - 5. Adar 5764

„Die Juden wollen Europa verlassen“

„Wie lange müssen wir es uns noch gefallen lassen, dass unsere Kinder auf dem Schulweg bespuckt und hinter Stacheldraht lernen müssen“, fragte der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien sowie Ariel Muzicant, EJC-Präsidiumsmitglied, am Rande einer Tagung des Europäischen Jüdischen Kongresses in Jerusalem.
„Besonders die kleinen Gemeinden sind hoch sensibilisiert und überlegen, ob Juden Europa verlassen sollten.“ Muzicant erwähnte die Empfehlung der französischen Rabbiner an ihre frommen Gemeindeglieder, anstelle einer erkennbar jüdischen Kopfbedeckung lieber Baseball-Kappen zu tragen, um nicht
verprügelt und angepöbelt zu werden. „Und dann sagt Prodi: habt keine Angst und vertraut uns.“ Noch nie seit 1945 werde in den Gemeinden so intensiv die Frage diskutiert, ob Juden in Europa überhaupt noch eine Zukunft haben. „Meine Kinder haben Österreich verlassen, weil sie den täglichen Stress, Juden zu sein, nicht mehr aushalten“, erzählt Muzicant.

Charlotte Knobloch, Vizepräsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, verlangte, dass die „europäischen Regierung sich mehr outen sollten“. Anstatt zu reden,
sollten sie zu Taten schreiten und Maßnahmen ergreifen, um den Antisemitismus ebenso zu bekämpfen wie die physischen Ausschreitungen gegen Juden, Schmierereien an ihren Institutionen und Schändungen ihrer Friedhöfe.

Der „Neue Antisemitismus“ beschränke sich nicht nur auf Moslems. Die Antisemiten setzten sich aus einer „brisanten Mischung“ von alten Nazis, Globalisierungsgegnern, linken Intellektuellen und Skinheads zusammen, meint Muzicant. „Die Juden sind wieder

Freiwild in Europa. Dabei bilden die Juden nur eine Speerspitze und werden deshalb auf Dscherba und in Istanbul von den Terroristen angegriffen. Das wahre Ziel ist der christliche Westen und die Werte der Demokratien. Das haben die Europäer aber noch nicht verstanden.“

uws