5. Jahrgang Nr. 8 / 26. August 2005 - 21. Aw 5765

„Schabbat der Trostworte“

Von Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart

„Der Schabbat der Trostworte”, den wir bereits am 15. Aw gefeiert haben, fällt auf den Schabbat nach dem Trauertag Tischa Beaw, dem 9. des Monats Aw, welcher der Zerstörung des alten Jerusalems gewidmet ist. In den Herzen eines jeden Juden war und ist Jerusalem tief verwurzelt. Die Bezeichnung und die Sehnsucht nach Tröstung mit „Schabbos Nachamu” (Schabbat der Trostworte), fand auch ihren Weg in die Weltliteratur. Unter diesem Titel schrieb Isaak Babel 1918 eine volkstümliche Erzählung. Babel wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Odessa, dem bedeutenden Zentrum ostjüdischer Kultur, geboren. Aus frommem Milieu stammend, wurde er bald ein humorvoller und ironischer Chroniker der unterdrückten armen Jüdischen Arbeiter und Handwerker. In den Dreißiger Jahren verspürt er tiefe Trauer und Wut über die Brutalität der neuen Machthaber. Er merkt schnell, dass aus der kleinen grausamen Welt der örtlichen Pogrome, die erbarmungslose Welt der Revolution geworden war. 1939 wird Babel von den stalinistischen Schergen verhaftet und 1940 ohne Prozess hingerichtet. Wenn ich hier eine seiner typischen Kurzgeschichten nacherzähle und erläutere, so möchte ich ihm damit ein bescheidenes Denkmal aus Worten setzen.

Herschele und seine Frau gehörten zu den ärmsten Juden ihrer Stadt. Andere Juden hatten am Schabbat wenigstens einen Schluck Wein, Wodka, gefilten Fisch oder Rosinenchalla. Nicht so Familie Herschele. Sie saßen häufig auch am Heiligen Schabbat im Dunklen und hungerten. Was Wunder, dass die Frau ihm bittere Vorwürfe machte und harte Schimpfworte an den Kopf warf. Eines Tages beschloss Herschele zum berühmten Zadddik, dem Meister der Chassidim, Rabbi Boruchl, zu wandern. Vielleicht konnte der heilige Mann seine Not lindern. Bei seiner langen Wanderung gelangte er an einen Gasthof am Rande eines Dorfes. Er sah Licht und klopfte. Herschele fand die Besitzerin ohne ihren Mann im Hause. „Der Wirt musste zum Adeligen Herrn, zum „Pane”, um die Pacht zu entrichten”, sagte die Frau und begann ein Gespräch mit dem „weitgereisten” Gast. Sie fragte ihn, ob er wisse, wann der „Schabbos Nachamu” endlich sei? Ihr Mann hatte ihr versprochen nach „Schabbos Nachamu” in die Stadt einkaufen zu fahren und dort auch den Segen des Wunderrabbi für ihren Kinderwunsch zu erbitten, da sie immer noch keine Kinder hätten. Herschele roch die feinen Speisen aus der Küche und antwortete: „Gute Frau, ich bin der ,Schabbos Nachamu’. Du wirst Söhne und Töchter haben. Ich bin auch Deinetwegen unterwegs. Wir haben es aber schwer da oben. Die Verpflegung im „Jenseits” lässt viel zu wünschen übrig. Darauf versorgte die herzensgute, einfältige Dorfwirtin den bedeutenden Gast mit allem, was ihre Küche hergab. Nach dem „Dessert” hatte es Herschele plötzlich eilig, fort zu gehen, da er fürchtete, dass der Wirt, wenn er heimkehrte, ihn bestimmt nicht als Herr „Schabbos Nachamu” empfangen würde. Er bekam noch ein üppiges Reiseproviant und Geschenke mit und lief bis ihm die Seele heraushing und er wieder bei den Seinen war. Diesmal schimpfte seine Frau nicht. Im Gegenteil. Sie segnete inbrünstig Reb Boruchl, der auch für das leibliche Wohl der armen Familien „sorgt”. Nicht so wie deren Vater, der so unbeholfen ist, dass er die Seinigen nur mit seinen Geschichten füttern kann.