5. Jahrgang Nr. 8 / 26. August 2005 - 21. Aw 5765

„Stagnieren macht ja keinen Sinn!“

Beispiel für gelungene Integration: Moskauer Keramikkünstlerin Ella Adamova krempelt in der neuen Heimat die Ärmel hoch

Von Irina Leytus

Ich solle mich, wenn ich am Sonntag in das Gemeindehaus Oranienburger Straße in Berlin komme, an dem Schild „Zum Keramik-Zirkel!“ orientieren. Der Zirkel tagt im vierten Stock, wobei sich sein technisches „Herzstück“ – ein Keramikofen - im Keller befindet. Der wahre Mittelpunkt des Zirkels ist aber Ella Adamova, die ruhig, freundlich aber bestimmt den Teilnehmern Ratschläge gibt. Die Leiterin lässt ihren jungen und alten Schützlingen, die an ihren Kunststücken – Vasen, Schällchen, abstrakten Formen – arbeiten, alle künstlerischen Freiheiten, den sie, die mehr Künstlerin als Handwerkerin ist, weiß allzu gut, wie wichtig das ist.

In ihrer Heimat Moskau war Ella bis zu ihrer Emigration 1991 eine erfolgreiche und gefragte Künstlerin, die sich auf Puppentheater spezialisiert hatte. Sie arbeitete für das berühmte Puppentheater von Sergej Obraszow in Moskau, präsentierte ihre Arbeiten bei zahlreichen Ausstellungen, wie der Moskauer-Retrospektive „Manege“, „Sowjetische Künstler“ im Prager Nationalmuseum, „Sowjetisches Bühnendesign“ in Edinburgh oder „Sowjetisches Bühnenbild“ in Paris.

Und was macht eine Künstlerin mit diesem schönen aber „schweren“ Gepäck im neuen Land - trauert sie den alten Zeiten nach, jammert sie über fehlende Unterstützung? Weit gefehlt! Mit Energie und Beharrlichkeit versucht Ella einen neuen Wirkungskreis zu finden. Da das Interessen an Puppentheater in Deutschland bei weitem nicht so groß wie in Russland ist, konzentriert sich die Absolventin der Regiefakultät der Moskauer Hochschule für Theater auf bildende Kunst, kleinere Plastiken und am Rande mit Kunstpuppen. Dankbar für die Möglichkeiten der Fortbildung, absolvierte sie einen Kursus für Computergrafik und vertiefte ihre bereits vorhandenen Kenntnisse der Keramikproduktion. Davon zeugen die vielen schönen Keramikobjekte auf der von Ella selbst entworfenen Webseite: www.adamova-art.de. „Früher flog mir die Arbeit quasi zu, heute muss ich intensiv um Aufträge kämpfen. Gibt es dann schließlich mal die Gelegenheit, an einer Ausstellung teilzunehmen, werden erst mal Versicherungsprämien fällig“, sagt die Keramikerin. Trotz allem: Auch wenn die Liste der Ausstellungen nach der Ausreise kaum länger geworden ist, haben einige Galerien in Berlin, Deutschland und den USA Ellas Arbeiten bereits gezeigt.

Stolz präsentiert die Künstlerin Fotos einer Schüler-Ausstellung, die im Mai stattgefunden hat. Drei mal in der Woche können etwa 20 Teilnehmer von Ella Adamova die Keramikkunst lernen. Von 1994 bis 1996 unterrichtete sie außerdem in einer Berliner Jugendkunstschule und zwischen 1998 und 2001 leitete sie die Keramikwerkstatt des Berliner Antidrogenvereins. „Und diese „Schüler“ waren nicht einfach!“, erinnert sich die Leiterin, „Die Käufer ahnten gar nicht, wie viel Kraft es mich gekostet hat, den drogenabhängigen, ja psychisch kranken Menschen, das Handwerk beizubringen und sie für die reguläre Arbeit zu motivieren. Und das alles auf Deutsch!“

War sie sich nicht zu schade für diese Knochenarbeit? Für Ella Adamova gibt es keine Alternative zum Ärmel hoch krempeln und nach vorne Gehen: „Stagnieren macht ja keinen Sinn!“