5. Jahrgang Nr. 8 / 26. August 2005 - 21. Aw 5765

Zeichen der Versöhnung

Historischer Besuch von Papst Benedikt XVI in der Kölner Synagoge

Es sind diese leisen bescheidenen Töne und diese klaren gewichtigen Worte mit denen Papst Benedikt XVI. Geschichte schreibt als er am 19. August zu Gast in die Kölner Synagoge ist. Die ganze Welt nimmt Anteil an diesem „historischen Besuch“, wie ihn Zentralratspräsident Paul Spiegel später beschreiben wird, blickt auf die Rheinmetropole mit der ältesten Synagoge nördlich der Alpen und hört dem katholischen Kirchenoberhaupt gespannt zu als er vom gegenseitigen Verständnis, Respekt, Liebe und Frieden spricht. Der Nachfolger von Papst Johannes Paul II. hat seine Mission erfolgreich erfüllt, er hat unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass auch er bereit ist, den eingeschlagenen Weg der christlich-jüdischen Verständigung zu gehen.

Die Erwartungen an den Synagogen-Besuch, der zum emotionalen Höhepunkt des Papst-Reise nach Köln wurde, waren hoch. In der Luft lag eine angespannte Atmosphäre – es war kein leichter Gang für den deutschstämmigen Katholiken aus Rom. Bevor er am 14. Aw in den Saal der Synagoge hineingeht, hält er in der Gedenkhalle der 11 000 jüdischen Opfer der Gemeinde Köln inne und Rabbiner Netanel Teitelbaum spricht das Kaddisch. Beide nehmen anschließend unter der Synagogen-Kuppel Platz, lauschen den Gesängen und Gebeten: Juden und Christen, so diese Geste, auf gleicher Augenhöhe unter dem gestickten Symbol der Gesetzestafeln auf dem blau-goldenen Vorhang des Tora-Schreins. So sind es auch die Zehn Gebote, die Benedikt XVI. als Bindeglied zwischen beiden Religionen zitiert und unterstreicht, dass Rassismus um des gemeinsamen Gottes Willen «nie wieder» sein dürfe. Rabbiner Netanel Teitelbaum, dem wie vielen der Zuhörer Spannung und Emotion ins Gesicht geschrieben steht und für den der Besuch des «hochverehrten Papstes ein Symbol für den Frieden, der auf der Welt herrschen muss - ein Frieden ohne Terror“ ist, erinnert an diejenigen unter den anwesenden Gästen, die noch die KZ-Nummer auf dem Arm tragen: «Das jüdische Volk hat niemals aufgehört zu glauben, auch dann, wenn es allein gelassen worden ist.» Er erinnert an persönliche Schicksale und beantwortet die uralte Frage "Warum weinen die Juden?" zutiefst bewegt: "Fünf Säulen" der jüdischen Identität zählt er auf, wie die fünf Finger einer Hand. Und diese Hand reicht er dem Papst als Zeichen der Versöhnung, nach so viel Furchtbarem, Unchristlichem von Christen an Juden.

Dann begrüßt Gemeindevorsteher Abraham Lehrer den hohen Gast und spricht weniger von dem religiösen Erbe des jüdischen Volkes, als davon, dass der Papst als Oberhaupt der katholischen Kirche "eine besondere Verantwortung für uns Juden, Ihre älteren Brüder", habe. Er nennt alle kritischen Punkte, beleuchtet die lange Geschichte von Missverständnissen und Missetaten der Christen und der Kirchen, bis zur jüngsten Katastrophe. Dann beginnt Benedikt, der, so heißt es, lange um die richtigen Worte gerungen habe, spricht schließlich als Katholik, Deutscher und Christ. Er zitiert aus der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils, "Nostra aetate", vor genau 40 Jahren über das Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum, über den Dialog, über die Achtung vor dem jüdischen Erbe des Christentums, gegen jede Form des Antisemitismus. «Unser Blick sollte nicht nur zurück in die Geschichte gehen, er sollte ebenso auf die Zukunft gerichtet sein», sagte Joseph Ratzinger. Er gedenkt der sechs Millionen Opfer des Holocaust und tritt dem Antisemitismus und der Fremdenfeindlichkeit entgegen. Der Papst nennt die alttestamentarischen Zehn Gebote «gemeinsames Erbe und gemeinsame Verpflichtung». Juden und Christen sollten praktisch zusammen arbeiten «in der Verteidigung und Förderung der Menschenrechte und der Heiligkeit des menschlichen Lebens, für die Werte der Familie, für soziale Gerechtigkeit und für den Frieden in der Welt».

Mit Applaus im Stehen bedanken sich die 500 Ehrengäste, darunter alle 40 Gemeinderabbiner Deutschlands, Israels Botschafter Shimon Stein, Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) und NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) für die klaren Worte des hohen Gastes. Besonders «die Verneigung des Papstes vor den Opfern» war es nach den ersten Worten Lehrers, die bei Kölner Juden Befriedigung auslöste: «Natürlich hätte er mehr sagen können, aber wir akzeptieren das für den ersten Besuch.» Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, ist sich sicher, dass „dieser Besuch zu den Höhepunkten des Papst-Besuches zählt“. Auch Vatikan-Sprecher Joaquin Navarro-Valls äußerte sich lobend über das Ereignis: «Das ist ein Dialog, der sich auf die Zukunft richtet», sagt er. "Ich war tief beeindruckt von seiner Persönlichkeit, tief beeindruckt von dem, was er gesagt hat. Dass er vor allen Dingen auf die gemeinsamen Wurzeln, auf die Gemeinsamkeiten von Christentum und Judentum hingewiesen hat. Und dass die Wurzeln des Christentums im Judentum liegen. Das ist sehr wichtig. Und das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Aussöhnung zwischen Christen und Juden", sagt Zentralrats-Präsident Paul Spiegel.

Mit einer ganz kleinen Geste geht Feierstunde der großen Emotionen nach 60 Minuten zu Ende: Als Gemeindevorstand Lehrer beim Abschied auf der Synagogentreppe eine Stufe unter dem Papst steht, zieht der Pontifex den Kölner zu sich auf dieselbe Stufe…

zu/dpa

Zukunft 5. Jahrgang Nr. 8
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