4. Jahrgang Nr. 2 / 27. Februar 2004 - 5. Adar 5764

Antisemitismus – eine „europäische Krankheit“

EU sagt antisemitischen Tendenzen, Rassismus und Intoleranz den Kampf an – Seminar in Brüssel macht auf wachsende Gefahr in Europa aufmerksam

Zukunft 4. Jahrgang Nr. 2
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„Die jüdische Gemeinschaften in Europa leben in Angst“, mit diesen präzisen und gleichzeitig beängstigenden Worten beschrieb Friedensnobelpreisträger Eli Wiesel die virulente Furcht der europäischen Juden vor Antisemitismus heute. „Es gibt keinen Platz für Rassismus und Antisemitismus in Europa“, machte EU-Kommissionspräsident Romano Prodi unmissverständlich deutlich und rief gleichzeitig zum Kampf gegen den Antisemitismus in Europa auf. „ Antisemitismus widerspreche allen Werten der Europäischen Union“, so der Präsident in der vergangenen Woche bei einem gemeinsam mit jüdischen Organisationen veranstalteten Seminar in Brüssel, bei dem es um die zentrale Frage ging, wie der Antisemitismus besser bekämpft werden könne. Prodi warb für ein Europa der Toleranz gegenüber Minderheiten. Jeder Form des Antisemitismus müsse jedoch in aller Schärfe entgegengetreten werden. Des weiteren würdigte er die großen Verdienste jüdischer Menschen um die Kultur Europas und rief zur Achtung von Minderheiten auf.

Er hatte die Initiative zu dem Seminar ergriffen, nachdem Umfragen auf zunehmenden Antisemitismus in Europa hingewiesen hatten. Ende vergangenen Jahres hatte eine Umfrage des Statistischen Amtes der EU (Eurostat) für Irritationen gesorgt. Darin war Israel von 53 Prozent der befragten EU- Europäern als größte Gefahr für den Weltfrieden bezeichnet worden. Danach gab es Streit über eine Berliner Studie im EU-Auftrag, die vor allem Einwanderer mit islamitischem Hintergrund für viele Ausschreitungen gegen Juden und jüdische Einrichtungen verantwortlich machte. Die Studie war zu dem Ergebnis gekommen, dass sich besonders unter islamischen Gruppierungen und unter muslimischen Jugendlichen in Europa ein aggressiver Antisemitismus, der auf dramatische Weise zunehme, entwickele. Jüdische Funktionäre reagierten mit heftigen Vorwürfen gegen die für beide Studien letztlich verantwortliche EU-Kommission. Sie warfen ihr sogar eine Mitverantwortung für zunehmenden Antisemitismus vor. Eurostat habe nicht nach der von Palästinensern ausgehenden Gefahr für den Frieden gefragt. Die Berliner Studie mit Schuldzuweisungen an Islamisten sei zurückgehalten worden. Daraufhin hatte Prodi die Vorbereitungen des Seminars zunächst abbrechen lassen. Kurz darauf sprachen ihm der Jüdische Weltkongress und der Europäische Jüdische Kongress jedoch wieder ihr volles Vertrauen aus.

In Brüssel betonte Bundesaußenminister Joschka Fischer, dass Feindlichkeit gegenüber Juden gegen der Kern der Grundwerte im vereinten Europa verstoße: „Antisemitismus, aber auch Rassismus und Intoleranz dürfen nicht zugelassen werden.“ Die Lehren aus der Vergangenheit könnten erfolgreich nur gezogen werden, wenn Toleranz zugelassen werde, sagte Fischer. «Aber nicht wehrlos: Toleranz muss sich gegen Intoleranz zur Wehr setzen», betonte er. Fischer warnte vor Antisemitismus, der sich hinter vorgeblich gerechtfertiger Kritik an Israel verberge. Die israelische Regierung dürfe kritisiert werden wie jede andere auch, aber das Existenzrecht Israels dürfe nicht in Frage gestellt werden. Dazu gehöre vor allem auch das Recht der Menschen, ohne Angst vor Terror in ihrem Land zu leben.

Schriftsteller Eli Wiesel stellte in einer bewegenden Rede fest, dass viele europäische Juden sich nicht mehr fragten, ob, sondern wann sie wegziehen sollen. Er rief dazu auf, dieser Tatsache mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Nachdrücklich verurteilte er Erziehung zum Hass gegen Juden, wie er sie in Schulbüchern für palästinensische Kinder gefunden habe.

Der israelische Minister für Jerusalem und Diasporafragen, Natan Sharansky, der an dem EU-Seminar teilgenommen hatte, vertrat die Auffassung, typisch für Antisemitismus sei die Dämonisierung von Juden, etwa wenn der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon mit Adolf Hitler gleichgesetzt werde oder palästinensische Flüchtlingslager mit den Konzentrationslagern der Nazis. Er wandte sich auch gegen zweierlei Maß. Es sei zum Beispiel nicht nachzuvollziehen, dass Israel von den Vereinten Nationen häufiger wegen Menschrechtsverletzungen verurteilt werde als alle Diktaturen zusammen.

dpa