4. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2004 - 7. Schwat 5764

Wochenabschnitt WAJECHI

Von Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart

In dieser Toralektüre, am Ende des 1. Mosebuches ist ein Vers (1.B.M. 49:10), der den Kommentatoren Sorgen und Erklärungsnot bereitete: „Nie soll das Zepter aus Judas Hand entgleiten! Und der Herrscherstab von seinen Füssen weichen! Bis er in Zukunft einst nach Schilo (Ortschaftsname im alten Israel) kommt…“ Raschi, der volkstümliche Exeget sieht darin einen Hinweis auf die messianischen Zeiten, da er die Kultstätte Schilo mit dem Heiligtum in Jerusalem assoziierte.

Das jüdische Volk wartet bis heute auf die Erlösung, auf die Ankunft des Messias. Dies bildet einen Kernsatz des jüdischen Glaubens. So wurden zum besseren Verständnis dieser Idee viele Parabeln darüber erzählt. Ende des 18. Jahrhunderts wanderten aus Russland viele fromme, chassidische Juden ins damalige Palästina aus.

Es geschah einmal, dass ein leichtsinniger und etwas verwirrter Mann auf den Ölberg stieg und in eine Posaune blies, die nach Erwartungen der Frommen das Kommen des Messias ankündigen sollte. Viele in der Umgebung, die diese Töne vernehmen konnten, meinten, dass sie nun das Eintreffen des Messias erleben werden. Als die Nachricht den aus Witjebsk stammenden Menachem Mendel erreicht hatte, öffnete er sein Fenster und blickte hinaus, dann aber sagte er traurig: „Nein, leider, das kann nicht der Erlöser sein. Ich spüre in der Welt da draußen keinerlei Veränderung. Und solange draußen in der Welt alles unverändert bleibt, kann man nicht von Erlösung sprechen…“

Selbst dann, wenn der Erlösungsglaube einen strengen Grundsatz bildet, wurden über diesen auch heitere Fabeln überliefert: Der Rebbe aus Bilgoraj erzählt in einer aufgeklärten Gesellschaft: Der Fuchs sah einst auf einem Baum einen Vogel.

„Komm herunter, du Vöglein, sei mein Gast.“ Der Vogel aber blieb standhaft auf dem Baum. „Du bist vermutlich hungrig und willst mich verspeisen“, antwortete er.

„G-tt behüte“, sagte der Fuchs, „hast du die frohe Botschaft nicht vernommen? Der Messias ist da. Der Wolf und das Lamm liegen bereits friedlich beieinander. Du hast also nichts zu befürchten.“ Während der Fuchs so sprach, ertönten Hörner und auch Hundegebell war zu hören. „Was ist das?“ fragte der Fuchs erschrocken. Du siehst von oben bestimmt besser…“ „Nichts besonderes, einige Jäger nähern sich mit ihren Hunden.“ Der Fuchs suchte darauf sofort das Weite. „Was ist los?“ fragte ihn der Vogel, „der Messias ist doch schon da. Was hast du noch zu befürchten?“

Der Fuchs, seinen Lauf beschleunigend, sagte: „Wie ich diese Hunde kenne, die glauben nicht an die Ankunft des Messias!“