4. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2004 - 7. Schwat 5764

“Die neuen Mitglieder sollen sich hier Zuhause fühlen”

Portrait der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, die sich intensiv um die Integration der Zuwanderer bemüht

Von Irina Leytus

„Als ich noch keine drei Jahre alt war, wurden alle Juden aus Hamburg ausgetrieben und mussten nach Altona ziehen, das dem König von Dänemark gehört, von dem die Juden gute Privilegien haben. Dieses Altona ist kaum eine Viertelstunde von Hamburg entfernt“, schrieb Glückel von Hameln in ihren berühmten Erinnerungen über die Ereignisse um 1649 in Hamburg. Seither hat sich viel bewegt, hat sich vieles grundsätzlich verändert: Altona gehört längst zu Hamburg, Hamburg zu Deutschland und Juden brauchen selbstverständlich keine spezielle Erlaubnis mehr, um hier zu leben. Heute hat die jüdische Gemeinde Hamburg 5000 Mitglieder. Die dank der Zuwanderer sprunghaft gewachsene Zahl der Gemeindemitglieder hat aber ihre Stärke aus Vorkriegszeiten noch nicht erreicht: 1933 lebten in Groß-Hamburg 20.000 Juden.

Die oben erwähnten „Denkwürdigkeiten der Glückel von Hameln“ strotzen vor interessanten Fakten über jüdische Leben in Deutschland sowie vor allem Hamburg und vermitteln auf humorvolle Weise sanfte Belehrungen einer vergangenen Epoche. Interessant ist, dass die Hamburger Kauffrau von Hameln diese Erinnerungen als „Testament“ für ihre Kinder verfasst hat, und dass es gerade die „Kinderfreundlichkeit“ - also die konsequente und vielseitige Arbeit mit Kindern - ist, die die jüdische Gemeinde Hamburg heute auszeichnet.

Neben dem Jugendzentrum betreibt die Gemeinde in Kooperation mit der Ronald-Lauder-Stiftung einen Kindergarten. Koscheres Essen, religiöse Früherziehung, ein herrlicher Garten und natürlich viel Fürsorge, Wärme und Spaß zeichnen ihn besonders aus. Von den sechs „Absolventen“ des Kindergartens im vergangenen Sommer wechselten vier an die jüdische Schule, die ebenfalls zur Gemeinde gehört. Dort lernen 22 Grund- und Vorschulkinder neben den allgemein bildenden Fächern Biblische Geschichte, Hebräisch und Religion. Sie sind in einem historischen Schulgebäude untergebracht, das der jüdischen Gemeinde vom Hamburger Senat überlassen wurde. Die Renovierungsarbeiten und Betriebskosten belasten das Budget der Gemeinde allerdings erheblich und verschärfen somit die ohnehin erdrückenden finanziellen Probleme der Gemeinde massiv. Der seit letztem Jahr amtierende neue Vorstand ist aber optimistisch, dass diese Probleme mittelfristig zu lösen sind. Der Vorsitzende Andreas Wankum bringt als selbstständiger Kaufmann und ehemaliger Schatzmeister der Hamburger CDU die notwendige Kompetenz und Durchsetzungskraft für die anstehenden Probleme mit.

Der neuer Vorstand will schon sehr bald noch ein weiteres drängendes Problem angehen. Zur Hamburger Gemeinde zählen auch die drei schleswig-holsteinischen „Untergemeinden“ Flensburg, Kiel und Lübeck. Diese, insbesondere die Gemeinschaft in Lübeck, streben seit Jahren eine administrative Trennung von der Hamburger „Mutter“ an. Ironischerweise verfügt die kleinere Betergemeinschaft in Lübeck über eine schöne alte Synagoge, während die einzige Hamburger Synagoge in einem schmucklosen Gebäude aus den Sechziger Jahren untergebracht ist. Weder die prachtvolle, im maurischen Stil gehaltene Synagoge der sephardischen Juden, die im Mittelalter aus Portugal nach Hamburg „importiert“ wurde, noch aschkenasische Synagogen unterschiedlichster Baustile haben die Wirren der Geschichte überstanden. Das einzige synagogale Gebäude, das das Dritte Reich überdauerte - der im Jahr 1931 eingeweihte neue Tempel - ist heute Sitz des NDR.

Wie fast alle jüdischen Gemeinden in Deutschland steht auch die Hamburger Gemeinde vor der Herausforderung, die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion zu integrieren. Das russischsprachige Vorstandsmitglied Leonid Prokopez erfüllt diese Aufgabe mit viel Energie und dem nötigen Feingefühl. So sorgt die Gemeinde dafür, dass auch des Deutschen nicht mächtige ältere Mitglieder nicht nur am kulturellen, sondern auch am religiösen Leben der Gemeinde teilnehmen. Der Erwachsenen-Unterricht bei Landesrabbiner Dov-Levy Barsilay wird ins Russische übersetzt. Denn: „Die so genannten neuen Mitglieder der Gemeinde sind uns mindestens genau so wichtig wie die alten Mitglieder. Sie sollen sich hier zu Hause fühlen“, so Andreas Wankum.