30.10.2017

"Man darf nicht über jedes Stöckchen der AfD springen"

Interview des Zentralratspräsidenten Dr. Josef Schuster, Rhein-Neckar-Zeitung, 27.10.2017

Von Kathrin Hoth

Heidelberg. Josef Schuster (63) ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Bei den Heidelberger Hochschulreden der Hochschule für Jüdische Studien sprach er in der Alten Aula zum Thema: "Reifeprüfung für Deutschland. Plädoyer für eine Demokratiedebatte".

Mit der AfD sitzt erstmals eine rechtsorientierte Partei in dieser Größenordnung im Parlament. Was löst das bei Ihnen aus?

Alleine das Wissen, dass eine rechtspopulistische, in Teilen wohl auch rechtsextreme Partei im Bundestag sitzt, ist für mich erschreckend. Wenn man mich vor zehn Jahren gefragt hätte, ob ich mir das vorstellen kann, hätte ich gesagt: niemals.

Wie sollten Parteien und Gesellschaft auf die AfD reagieren?

Man darf nicht über jedes Stöckchen springen, das die AfD hinhält. Das ist ja das Geschäftsmodell der AfD: Provozieren und damit Aufmerksamkeit erlangen. Zudem muss man klar sagen, wo die Grenzen sind. Ich halte zwar eine sture Opposition gegen die AfD nicht für den richtigen Weg. Sollten von der AfD Vorschläge kommen, die sinnvoll sind, dann sollte man die auch diskutieren. Aber man darf nicht opportunistisch jeder Stimmungslage hinterherlaufen, von der man meint, sie könnte beim Wähler gut ankommen.

Die AfD behauptet, sie sei besonders judenfreundlich und begründet das mit dem gemeinsamen Feindbild des Islam.

Die AfD sagt von sich, sie engagiere sich besonders für jüdisches Leben. Wenn wir die Hilfe einer Partei wie der AfD bräuchten, um jüdisches Leben in Deutschland zu festigen, würde ich sagen: armes Deutschland. Die Rechnung, der Feind meines vermeintlichen Feindes ist mein Freund, geht nicht auf. Die AfD nutzt ja vor allem das Flüchtlingsthema für ihre Zwecke. Doch wenn es Menschen gibt, die nachvollziehen können, was es bedeutet, fliehen zu müssen, dann sind es Jüdinnen und Juden. Es ist unbestritten, dass es Sorgen gibt bezüglich des Gedankenguts, das arabischstämmige Flüchtlinge, nicht alle, aber ein erheblicher Teil, mitgebracht haben. Aber es verbietet sich jeder Generalverdacht gegenüber Muslimen.

Sie haben einmal gesagt, Sie würden Juden davon abraten, mit Kippa durch muslimisch geprägte Viertel zu gehen. Bereuen Sie den Satz, weil es Applaus von der falschen Seite gab?

Nein. Ich war nur überrascht über das Echo. Denn was ich gesagt habe, hielt und halte ich für eine Binsenweisheit.

Macht Ihnen Antisemitismus von muslimischer Seite mehr Sorgen als der aus der rechten Ecke?

Er macht mir nicht mehr Sorgen. Wir müssen uns nur im Klaren sein, dass es unterschiedliche Spektren des Antisemitismus gibt. Von rechtsextremer Seite, das ist nicht nur der gefährlichste, sondern auch der zahlenmäßig dominierende. Von muslimischer Seite haben wir bisher glücklicherweise nur wenige antisemitische Übergriffe gesehen. Häufiger sind antisemitische Anfeindungen, vor allem im Internet. Und auf linksextremer Seite als verkappte Israelkritik. Antisemitismus geht uns aber alle an! Studien zeigen, dass jeder fünfte Bürger Vorurteile gegenüber Juden hat. Dem müssen wir entgegenwirken.

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Kritik an israelischer Politik und antisemitischer Anti-Israel-Stimmung?

Kritik an der Politik Israels ist etwas absolut Legitimes. Obwohl man sich natürlich aus 3500 Kilometer Entfernung leichttut mit Kritik. Manche sicherheitspolitischen Entscheidungen sind von hier aus eben schwerer zu verstehen. Dennoch ist Kritik an Netanjahu oder seiner Regierung etwas Legitimes, auch aus Deutschland. Was nicht mehr legitim ist, ist der Moment, wenn das Existenzrecht Israels in Frage gestellt wird oder Israel gesagt wird und Jude gemeint ist. Häufig bedient man sich dann auch uralter antisemitischer Klischees. Nehmen Sie die Behauptung, Israelis würden in palästinensischen Gebieten das Trinkwasser verschmutzen. Das ist nichts anderes als die Brunnenvergiftungsmär des uralten Antisemitismus.

Wie bewerten Sie die Haltung der Bundesregierung mit ihrer Kritik an israelischen Grenzanlagen, dem Siedlungsbau und einem Außenminister Gabriel, der israelische Regierungskritiker trifft?

Man kann geteilter Meinung sein, ob das sehr klug war von Herrn Gabriel. Ich weiß auch nicht, wie die Reaktion in Deutschland wäre, wenn hier ein ausländischer Gast nicht einfach regierungskritische, sondern extrem regierungsfeindliche Gruppierungen treffen würde.

Die Kritik am Siedlungsbau teilen Sie?

Auch ich kann nicht jede Entscheidung der israelischen Regierung zum Siedlungsbau nachvollziehen, allerdings ist die Siedlungspolitik wesentlich komplexer als es hier oft wahrgenommen wird.