4. Jahrgang Nr. 1 / 30. Januar 2004 - 7. Schwat 5764

Der Vorstand ist aus einem Guss

Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin wählte neuen Gemeindevorstand – Alle Mitglieder gehören dem Wählerbündnis Kadima an - Ein Interview mit dem neuen Vorsitzenden Albert Meyer

Zukunft: Die Jüdische Gemeinde Berlin hat seit dem 7. Januar einen neuen Vorsitzenden: Albert Meyer. Im Vorfeld und während der Wahlen kam es zu unschönen Auseinandersetzungen, die in der Öffentlichkeit ein schlechtes Licht auf die Jüdische Gemeinde warfen. Ist damit nun endgültig Schluss? Wieso konnte es überhaupt soweit kommen

Albert Meyer: Es ist rich­tig, dass es im Vor­feld und wäh­rend der Wah­len zu ein­sei­ti­gen, bös­ar­ti­gen, po­le­mi­schen An­schul­di­gun­gen ge­kom­men ist. Ei­ne Schlamm­schlacht, wie teil­wei­se in der Pres­se be­rich­tet, hat nicht statt­ge­fun­den, da wir vom Wahl­bünd­nis KA­DI­MA auf die­se Art des Wahl­kamp­fes nicht rea­giert ha­ben. Ei­ne Schlacht kann nur dann statt­fin­den, wenn man zu­rückschlägt. Wir ha­ben es ein­fach über uns er­ge­hen las­sen und ha­ben mit die­ser Tak­tik recht be­hal­ten, da der Wäh­ler die­se zer­stö­re­ri­sche Ver­hal­tens­wei­se un­se­rer Geg­ner nicht ak­zep­tiert und ih­nen ei­ne Ab­fuhr er­teilt hat.

Schauen wir nach Vorne. Welche Ziele, welche Fragen, welche Probleme will der neue Vorsitzende mit Nachdruck angehen?

Albert Meyer:
Wir ha­ben zwei gro­ße Pro­ble­me, die wir un­ter Zeit­druck an­ge­hen müs­sen.
1) Un­ver­ant­wort­li­cher Wei­se hat der al­te Vor­stand kei­nen Etat für das Wirt­schafts­jahr 2004 er­stellt. Insofern be­steht drin­gen­der Nach­hol­be­darf. 2) Wir ha­ben Auf­la­gen im Be­reich der Pfle­ge­hei­me, die zwin­gend er­füllt wer­den müs­sen, da­mit wir nicht Ge­fahr lau­fen, dass un­se­re In­sti­tu­tio­nen ge­schlos­sen wer­den. Ob­wohl be­reits 690.000,00 € ver­pul­vert worden sind, ist noch nicht ein­mal ein Grund­stein ge­legt. Daher stellt sich die Fra­ge, ob ein Neubau über­haupt Sinn macht oder ob es nicht sinnvoller wäre, ein leer­ ste­hen­des Ge­bäu­de an­zu­mie­ten.
Der Haushalt der Jüdischen Gemeinde ist in eine Schieflage geraten. Wie wollen Sie die Gemeinde-Finanzen konsolidieren, was oder wer wird dem Rotstift zum Opfer fallen?
Die Fra­ge der Kon­so­li­die­rung des Ge­mein­de­haus­halts dürf­te nur über ei­nen län­ger­fri­sti­gen Zeit­raum zu­ er­zie­len sein. Ich ge­he lei­der da­von aus, dass in den näch­sten zwei Jah­ren de­fi­zi­tä­re Haus­hal­te vor­han­den sein wer­den. Es gibt für ein pro­fes­sio­nel­les Ma­nage­ment vie­le As­pek­te, wo Gel­der ge­spart wer­den kön­nen, oh­ne das die Ge­mein­de ih­ren so­zia­len Auf­ga­ben und im Be­reich des Kul­tus nicht mehr gleich­wer­tig nach­kommen kann.

Über zwei Drittel der Berliner Gemeindemitglieder sind Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Ihre Integration ins Gemeinde- und Berliner-Leben mit allen Facetten – Sprache, Gesellschaft, Beruf - muss demzufolge auch künftig oberste Priorität haben. Wo wollen Sie hier Schwerpunkte setzen? Wie ich be­reits oft er­wähnt ha­be, ist die rus­si­sche Zu­wan­de­rung nicht nur für die Jü­di­sche Ge­mein­de son­dern auch für die Stadt ein Se­gen. Das in­tel­lek­tu­el­le und kul­tu­rel­le Po­ten­zial der Zu­wan­de­rer ist nicht zu un­ter­schät­zen. Hier wächst ei­ne hoch qua­li­fi­zier­te Ju­gend her­an, die das kul­tu­rel­le Le­ben der Stadt be­rei­chern und sehr wahr­schein­lich maß­ge­blich da­zu bei­tra­gen wird, dass Ber­lin aus sei­ner Le­thar­gie er­wacht und wie­der ei­ne blü­hen­de Me­tro­po­le wird. Im­mer wenn es de­n Berliner Ju­den - die zwei­fels­frei zum An­se­hen die­ser Stadt ins­be­son­de­re in den zwan­zi­ger und An­fang der drei­ßi­ger Jah­re bei­ge­tra­gen ha­ben - gut ging, ging es auch Ber­lin gut. Pri­mä­rer Fak­tor der In­te­gra­ti­on ist die Ver­mitt­lung der deut­schen Spra­che und in­so­weit muss hier die Ge­mein­de er­gän­zen­de Mög­lich­kei­ten an­bie­ten.

Mit Albert Meyer steht zum zweiten Mal nach Andreas Nachama ein Mann an der Spitze der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, der nach dem Holocaust geboren worden ist. Bedeutet dieser Generationswechsel auch ein Wechsel im politischen Profil der Gemeinde? Wenn ja, welche Visionen ergeben sich daraus für die Zukunft der Berliner Gemeinde?

Albert Meyer: Na­tür­lich hat sich das Kli­ma uns ge­gen­über in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und auch teil­wei­se in Ber­lin leicht ver­än­dert. Man kann so­gar schon da­von aus­ge­hen, dass uns ein ge­wis­ser Wind ent­ge­gen ­bläst. Na­tür­lich ha­ben wir als Nach­kriegs­ge­ne­ra­tion nicht die glei­che Po­si­ti­on wie etwa Heinz Gal­ins­ki oder Jerzy Ka­nal, die die Pe­ri­ode der Ju­den­ver­nich­tung haut­nah mit­er­le­ben mussten und glück­li­cher­wei­se über­lebt ha­ben. Es muss ei­ne ge­wis­se Zu­rück­hal­tung un­se­rer­seits zwei­fels­frei an den Tag ge­legt wer­den, wenn wir nun­mehr mit den po­li­tischen Ver­tre­tern der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­han­deln , die auch aus ei­ner Nach­kriegs­ge­ne­ra­tion stam­men. Deshalb ge­he ich da­von aus, dass wir zwar wei­ter­hin die uns zu­ste­henden le­gi­ti­men Rech­te aus der Ver­gan­gen­heit der Ge­schich­te ge­gen­über der Po­li­tik die­ser Stadt und der Ge­sell­schaft wahr­neh­men wer­den, aber gleich­zei­tig darf die­se Be­zie­hung nicht ei­ne Ein­bahn­stra­ße sein, son­dern auch wir müs­sen der Ge­sell­schaft das zu­rück­ge­ben, was wir am bes­ten kön­nen, näm­lich un­ser kul­tu­rel­les und gei­sti­ges Po­ten­zial, dass durch die Zu­wan­de­rung sehr ge­stärkt ist.