17. Jahrgang Nr. 10 / 30. Oktober 2017 | 10. Heshvan 5778

Der Hoffende

Die Erfindung des Esperanto war eine Botschaft an die ganze Menschheit und eine jüdische Utopie zugleich

Von Liliana Ruth Feierstein

Im Jahr 1887 erschien in Warschau das auf Russisch verfasste Buch „Meschdunarodnyj Jasyk – Predislowje i polnyj utschebnik“, zu Deutsch: „Internationale Sprache – Einleitung und vollständiges Lehrbuch“. Der Autor zeichnete mit dem Pseudonym Dr. Esperanto, was in der neuen Sprache „der Hoffende“ bedeutete. Mit der Zeit sollte das Pseudonym zur Bezeichnung der Sprache an sich werden – Esperanto.
Mit der von ihm erhofften Einführung einer Weltsprache verband der Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof, der sich hinter dem Pseudonym verbarg, eine große Idee: „Die ganze Welt wäre wie eine einzige Familie“, schrieb er im Vorwort zu seinem Werk.
So sehr sich Zamenhofs Botschaft an die ganze Menschheit richtete, so war sie doch zugleich eine jüdische Utopie. Wie viele andere jüdische Intellektuelle seiner Zeit war auch Zamenhof durch die Lage zumal russischer Juden – gekennzeichnet durch Verfolgung, Armut, Hoffnungslosig­keit – zutiefst bedrückt. In der Überwindung von Barrieren zwischen Völkern und Religionen sah er eine Chance, der scheinbar unentrinnbaren Lage zu entrinnen.
Wohlgemerkt war Zamenhofs Weg zur Weltsprache gewunden. In seiner Jugend war der 1859 im heute polnischen Bialystok Geborene ein aktiver Zionist. Später schrieb er jedoch: „Nach drei oder vier Jahren (…) kam ich zu der Überzeugung, dass diese Idee nirgendwohin führte, und so trennte ich mich von ihr, auch wenn sie mir in meinem Herzen stets als ein unerreichbarer, aber zauberhafter Traum teuer blieb.“
Nach der zionistischen Phase versuchte der polyglotte Zamenhof, eine erste jiddische Grammatik zu schaffen, in der Hoffnung, dass Jiddisch dadurch die jüdische Sprache werden würde. Schließlich führten viele Gründe dazu, dass er sich von dieser Idee distanzierte, nicht zuletzt wegen der Abneigung westeuropäischer Juden gegen Jiddisch.
Er machte sich dann an die Schaffung einer „Weltsprache“. Als Jude. Im Briefwechsel zur Vorbereitung des Esperanto-Weltkongresses in Boulogne-sur-Mer 1905 schrieb Zamenhof: „Ich verberge mein Judentum niemals, und alle Esperantisten wissen dies (...).Die Notwendigkeit einer nationslosen, neutralen, menschlichen Sprache kann niemand so stark empfinden wie ein Jude, der gezwungen ist, in einer längst toten Sprache zu Gott zu beten, der seine Erziehung in der Sprache eines Volkes genoss, das ihn verstößt, der Leidensgenossen auf der ganzen Welt hat und sich nicht mit ihnen verständigen kann.“ Sein Judentum sei der Hauptgrund dafür gewesen, dass er sich dem Traum von der Vereinigung der Menschheit hingegeben habe.
Dieses Beharren auf Menschlichkeits­idealen gefiel keineswegs allen Kongressteilnehmern. Zum Schluss setzten sich die hauptsächlich französischen Repräsentanten durch: Esperanto wurde für neutral und „frei“ von ideologischen, politischen oder religiösen Prinzipien erklärt.
Zamenhof blieb beharrlich: Im Vorfeld des Zweiten Esperanto-Kongresses, der 1906 in Genf tagte, hatten erneut blutige Pogrome in Russland stattgefunden – diesmal in Zamenhofs Geburtsstadt Bialystok. Erschüttert plädierte er in seiner Rede für einen Minimalkonsens über eine ideelle Grundlage: die interna ideo, eine dem Esperanto innewohnende Idee, die primär den Gedanken der Brüderlichkeit und Gerechtigkeit unter allen Völkern verfolgte. Die Sprache hätte damit eine andere Dimension als einen rein funktionalen Wert.
Die von Zamenhof in die neue Sprache gesetzten Hoffnungen erfüllten sich allenfalls zum Teil. Allerdings gibt es heute mehrere Millionen Menschen – die Schätzungen variieren zum Teil erheblich – die in dem einen oder anderen Maße Esperanto beherrschen. Auch ist die Sprache vollfunktional – moderner Wortschatz, Literatur und eigene Wikipedia inklusive.
Zamenhof war nicht der einzige jüdische Denker, der Sprache und Ideologie verband. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts widmete sich eine Reihe von Jiddischsten – erfolgreich – der Aufgabe, die jiddische Sprache und Grammatik weiterzuentwickeln. Um die Situation der Juden innerhalb der Gesellschaft zu verbessern, setzte die in Osteuropa tätige, jiddischsprachige und sozialistische Bund-Partei auf die Gleichberechtigung der Juden mit den Werktätigen anderer Volksgruppen im Rahmen der allgemeinen Arbeiterbewegung. Welchen Erfolg diese Ansätze auch hätten haben können – sie wurden im Inferno der Schoa ausgelöscht.
Besser erging es dem Erneuerer des Modernhebräischen, Eliezer Ben-Jehuda, ein Jahr vor Zamenhof in Luschki bei Wilna geboren. Ben-Jehuda wanderte 1881 in das damals unter osmanischer Herrschaft stehende Israel ein und widmete sich mit unablässigem Eifer der Schaffung von Tausenden neuer Wörter, die im Hebräischen für das Leben in der Neuzeit fehlten.
Sein Sohn Itamar Ben-Avi war, so jedenfalls das geläufige Narrativ, der erste hebräische Muttersprachler der Moderne. Gerade darin ist die entgegengesetzte Richtung erkennbar, in die sich die beiden Sprachschöpfer bewegten: Während Zamenhof Esperanto als neutrale Hilfssprache konzipierte, strebte ein großer Teil der Hebräisch-Anhänger die Einführung des Hebräischen als der National- und Alltagssprache der Juden an, jedenfalls im Lande Israel. Der kleine Itamar durfte, wie überliefert wurde, nicht einmal mit anderen Kindern spielen, um sich von ihnen nicht mit anderen Sprachen „anzustecken“. Manchmal kann sich Geschichte aber etwas Ironie nicht verkneifen: Als Erwachsener wurde Itamar Ben-Avi glühender Esperantist.

Dr. Liliana Ruth Feierstein ist Professorin für Transkulturelle Geschichte des Judentums am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.