17. Jahrgang Nr. 10 / 30. Oktober 2017 | 10. Heshvan 5778

Kühles Kalkül

Die sowjetische Politik gegenüber Juden war stets auf die Interessen des Regimes bedacht

Die sowjetische Politik gegenüber Juden war bekanntlich alles andere als freundlich. Zumindest in der Frühphase kehrte sie aber auch eine mildere Seite heraus. Allerdings ging es den Machthabern selbst dann nicht um das Wohl jüdischer Bürger. Über das Verhältnis zwischen der Sowjetmacht und der jüdischen Minderheit in der Stalin-Ära sprach die „Zukunft“ mit dem Experten für die Geschichte des osteuropäischen Judentums, Dr. Samuel Barnai von der Hebräischen Universität in Jerusalem.

Zukunft: Herr Dr. Barnai, die Juden in der Sowjetunion waren eine oft unterdrückte Minderheit. Allerdings schien alles zu Beginn der Sow­jetherrschaft gar nicht so schlimm zu sein. Es gab staatliche jüdische Schulen, jüdische Zeitungen, jüdische Siedlungen. Warum versuchte die Sow­jetmacht damals, nett zu Juden zu sein?
Dr. Samuel Barnai: Nach dem Ende des russischen Bürgerkrieges waren die Bedingungen für Juden in den Tat relativ günstig, doch ging es den Behörden nicht darum, nett zu Juden zu sein. Es ging um die Interessen der jungen Sowjetmacht. Juden galten als eine zuverlässige Bevölkerungsgruppe, die während des Bürgerkrieges die rote Seite unterstützt hatte. Das traf auch zu, allein schon, weil die unterschiedlichen antibolschewistischen Kräfte einen brutalen, zum Teil genozidalen Antisemitismus an den Tag legten. Als eine der im zaristischen Russland am schlimmsten verfolgten Bevölkerungsgruppen hatten die Juden zudem große Hoffnungen auf einen politischen Wandel gehegt und waren großenteils bereit, der neuen Macht Unterstützung zu gewähren. Umgekehrt darf man nicht vergessen, dass das Regime Kader für seinen Verwaltungsapparat brauchte und Juden dabei als eine überdurchschnittlich gebildete Minderheit eine wichtige Rolle spielten.

Die Juden wurden auch als eine eigene Ethnie anerkannt. Wollten sie das? In späteren Jahren war es jedenfalls gar nicht so gut, wenn in den Personalpapieren in der Rubrik „Nationalität“ das Wort „Jewrej“ stand.
Ein großer Teil der Juden wollte sicherlich die Anerkennung als Nationalität. Sie war aber auch vielen jüdischen Kommunisten im Westen, die die Sow­jetunion unterstützten, wichtig, und die Sowjetmacht wollte diese Verbündeten nicht verärgern. So ließ sich mit etwas gutem Willen erklären, die Juden erfüllten die drei in der Sowjetunion geltenden Kriterien für eine Anerkennung als Volk: Sprache, Territorium und Geschichte. Immerhin sprachen die meisten Juden in der UdSSR damals Jiddisch und sie waren geografisch hochgradig konzentriert, und zwar im ehemaligen Ansiedlungsrayon. Die jüdische Geschichte wiederum ließ sich als eine Geschichte des Kampfes ausgebeuteter Volksmassen gegen Kapitalisten und Rabbiner umschreiben, wobei Rabbiner im Einklang mit der Sowjetideologie als reaktionäre Feinde galten. Generell betonte die damalige sowjetische Nationalitätenpolitik die kulturelle und sprachliche Eigenständigkeit der Sowjetvölker unter Einhaltung sozialistischer Inhalte. Das galt nicht nur, aber auch für Juden.

Und wie reagierten die Juden auf die sozialistischen Inhalte?
Nicht allen gefiel das. Vielen, vor allem älteren Juden ging es beispielsweise gegen den Strich, dass jüdische Kinder an jüdischen Schulen von jüdischen Lehrern antireligiöse Propaganda zu hören bekamen, auf Jiddisch. Jiddische Schulen gab es übrigens nicht nur im Ex-Ansiedlungsrayon, also vor allem in Weißrussland und in der Ukraine, sondern auch in der Russischen Föderativen Republik, beispielsweise in Leningrad.
Allerdings konnten die Bürger gegen solche Propaganda nichts tun. Es gab halt Sozialismus in allen Sprachen. So stand im Staatswappen Weißrusslands der Satz „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch“ neben der russischen, weißrussischen und polnischen Fassung auch auf Jiddisch. Außerdem wurden durch gezielte Ziehung administrativer Grenzen Verwaltungsbezirke geschaffen, in denen es – ohne Umsiedlung – eine jüdische Bevölkerungsmehrheit gab, manchmal bis zu zwei Dritteln. Innerhalb dieser Bezirke konnte man mit den lokalen Behörden jiddisch sprechen und korrespondieren, es gab Gerichtsverhandlungen auf Jiddisch.

All das auf Anweisung der Partei?
Und mithilfe jüdischer Funktionäre, wobei auch bei denen viel Ideologie im Spiel war. Beispielsweise versuchten jiddischsprachige Linguisten, den Einfluss des Hebräischen abzubauen. Die jiddische Rechtschreibung wurde reformiert, vor allem, indem aus dem Hebräischen stammende Wörter rein phonetisch und nicht mehr in der ursprünglichen hebräischen Fassung geschrieben wurden. Zugleich wurde der Gebrauch hebräischer Wörter nach Möglichkeit eingeschränkt. So etwa wurde empfohlen, für den Begriff „Krieg“ lieber das aus dem Deutschen stammende Wort „Krig“ als das aus dem Hebräischen kommende Synonym „Milchome“ zu verwenden.

Auf Dauer hat sich das jiddischsprachige Modell dennoch nicht durchgesetzt.
Das lag nicht zuletzt an der sprachlichen Assimilation und der zunehmenden Abwanderung aus dem Ex-Ansiedlungsrayon in andere Landesteile. Bereits in den „Goldenen Zwanzigern“ schickten viele jüdische Eltern ihre Kinder nicht auf jiddische, sondern lieber auf russische Schulen, also auch nicht auf solche, an denen in Ukrainisch oder Weißrussisch unterrichtet wurde, weil Russisch den Schülern später viel bessere berufliche Perspektiven eröffnete. Die sprachliche Assimilation der Juden, zum Russischen hin, unterschied sich übrigens nicht sonderlich von parallelen Prozessen in anderen Ländern. Und es gab keinen wirklichen Zwang, Juden auf jiddische Schulen zu schicken, weil die Akkulturation bei den Behörden nicht als schädlich galt. Mehr als das: Ab den Dreißigerjahren kam es in der ganzen Sowjetunion zu Russifizierungsprozessen, nicht nur gegenüber den Juden, sondern auch gegenüber anderen Volksgruppen.

Welchem Zweck dienten denn Versuche, in den Zwanziger- und Dreißigerjahren jüdische Siedlungen auf der Krim zu errichten?
Es ging vornehmlich um Demografie und Festigung der Staatstrukturen. Die Siedlungen sollten die dichtbesiedelten Gebiete innerhalb des alten Ansiedlungsrayons entlasten. Jüdische Nationalbezirke wurden nicht etwa in dem fruchtbaren Süden der Krim, sondern in deren kargem und dünnbesiedeltem Norden gegründet. Einer dieser Bezirke trug zwischen 1930 und 1937 den Namen Fraydorf. Ein anderer hieß von 1935 bis 1937 Larindorf, benannt nach dem jüdischen Altrevolutionär Jurij Larin (Luria). Larin gehörte 1923 zu den Initiatoren des Ansiedlungsprojekts und war Leiter der zwei Jahre später für den Siedlungsbau geschaffenen „Gesellschaft für die Landansiedlung jüdischer Werktätiger“ (OSET). Trotz der schweren Bedingungen waren die Siedlungen zum Teil recht erfolgreich, auch weil sie von amerikanischen Juden finanziell unterstützt wurden, vor allem durch die jüdisch-amerikanische Wohlfahrtsorganisation Joint. Letztendlich aber blieben diese Bezirke ebenso wie die drei jüdischen Bezirke in den ukrainischen Verwaltungsgebieten Saporoschje, Dnepropetrowsk und Cherson eine Randerscheinung.

Das größte jüdische Ansiedlungsprojekt lief woanders.
Ganz woanders, doch mit ähnlichem Ziel. Im Jahr 1928 beschloss das Zen­trale Exekutivkomitee der UdSSR – die formal oberste Behörde – die Freigabe von Gebieten in Fernost, an der chinesischen Grenze, für die Besiedlung durch Juden und stellte sie KomSET (Komitee für die Landansiedlung jüdischer Werktätiger) zur Verfügung. Das war Teil der sowjetischen Politik, den fast unbesiedelten Fernen Osten demografisch zu stärken.
Nach schleppendem Beginn konnte die jüdische Ansiedlung in dem „Autonomen Jüdischen Bezirk Birobidschan“ in den Dreißigerjahren – nicht zuletzt dank massiver Propaganda und mithilfe gezielter Versetzungen durch die Partei – schneller wachsen, letztendlich aber nicht grenzenlos. 1939 lebten in Birobidschan laut der Volkszählung 17.695 Juden – ganze 16 Prozent der Gesamtbevölkerung des „jüdischen“ Bezirks.
Allerdings war Birobidschan damals das einzige offiziell jüdische Territorium der Welt; den Staat Israel gab es noch nicht. Trotz der schweren Bedingungen kamen deshalb auch jüdische Idealisten aus westlichen Ländern, um den Traum von einem freien, sozialistischen jüdischen Leben zu verwirklichen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die jüdische Bevölkerung im Bezirk allmählich verringert und von da an ging es abwärts. Bei der letzten sowjetischen Volkszählung 1989 lebten in dem „Jüdischen Autonomen Bezirk“ gerade mal 8887 Juden. Das entsprach einem Bevölkerungsanteil von knapp vier Prozent.

War die relativ judenfreundliche Politik Stalins in den Dreißigerjahren nicht auch schon vorbei?
Es gab zumindest erste Anzeichen dafür, dass der auch in der Partei verbreitete Antisemitismus sein Haupt wieder hob. Im Zweiten Weltkrieg nahm die Parteiführung durchaus Rücksicht auf antijüdische Ressentiments in der Bevölkerung. Sie wollte nicht als projüdisch aufgefasst werden.

Andererseits wurde nach Kriegsausbruch das Jüdische Antifaschistische Komitee gegründet und mit prominenten Juden besetzt und durchaus zuvorkommend behandelt.
Natürlich. Das Komitee war ein nützliches Instrument. Seine Aufgabe war es, im Westen um Hilfe für die sowjetische Kriegsanstrengung zu werben, und es hatte dabei durchaus Erfolge vorzuweisen: Geld- und Sachspenden und politische Kontakte, vor allem in den USA. Nach Kriegsende wurde das Komitee für seinen ursprünglichen Zweck nicht mehr benötigt, doch wollte Stalin es sich noch nicht mit der jüdischen Welt verderben, wohl auch wegen der ungeklärten Palästina-Frage, bei der die Sowjetunion mitmischen wollte.

Warum leitete Stalin dann schon vor der Gründung des Staates Israel eine antijüdische Wende ein?
Es war ein Prozess, der nicht nur mit dem Geschehen in Palästina zu tun hatte. In den Augen des Regimes begingen führende Mitglieder des Antifaschistischen Komitees die unverzeihliche Sünde, sich nach Kriegsende als Vertreter und Fürsprecher sowjetischer Juden zu verstehen. Sie erstellten das berühmte „Schwarzbuch“, das die Schoa auf sowjetischem Boden dokumentierte und damit in krassem Gegensatz zur offiziellen Politik stand, das Leid der Juden als Thema niedrig zu hängen. Das Buch erschien 1946 in den USA, durfte aber nicht in der Sow­jetunion veröffentlicht werden. Mitglieder des Komitees versuchten zudem, in Einzelfällen zugunsten von Juden zu intervenieren, etwa wenn jüdische Rückkehrer, sei es aus der Evakuation, sei es aus der Armee, feststellen mussten, dass ihre Häuser von nichtjüdischen Nachbarn oder Fremden besetzt worden waren. Das wollte das Regime nicht dulden: Eine authentische jüdische Interessenvertretung war tabu. Der erste Schritt bei der Zerschlagung des Komitees war die als Verkehrsunfall inszenierte Ermordung des Theatermachers Solomon Michoels im Januar 1948.
Im Verlauf der zweiten Jahreshälfte 1948 wurde Moskau auch klar, dass der neue Staat Israel nicht vorhatte, sich dem Sowjetblock anzuschließen, und dass seine Gründung von der großen Masse der sowjetischen Juden enthusiastisch begrüßt wurde. Spätestens das war das Zeichen, eine Propagandakampagne gegen Juden als „wurzellose Kosmopoliten“ einzuleiten. 1952 wurden führende jüdische Intellektuelle und Dichter ermordet.
Kurz vor Stalins Tod im Jahr 1953 wurde die Propagandakampagne gegen jüdische Ärzte vom Zaun gebrochen. Das war ein Anzeichen für die Bedrohung der Gesamtheit jüdischer Bürger, denn im diesem Falle waren die Verhafteten keine jüdischen Aktivisten. Ihre einzige „Schuld“ war ihre jüdische Abstammung. Stalins Tod mag noch Schlimmeres verhindert haben, doch wurde in späteren Jahrzenten auch nur ein blasser Widerschein jüdischer Kultur aufrechterhalten.

Hatte Stalin wirklich vor, die Juden in den Fernen Osten der UdSSR zu verbannen?
Rein technisch hatte das Regime die Mittel und die organisatorischen Möglichkeiten, ganze Völker auszusiedeln, und hatte das ja schon vorexerziert. Auch bei Juden wäre es möglich gewesen, obwohl diese keine zusammenhängenden Siedlungsbereiche hatten. Hatte Stalin das wirklich vor? Ich weiß, dass es dazu unterschiedliche Meinungen gibt. Ich persönlich glaube, dass der gegenwärtige Stand der Forschung eine abschließende Beantwortung dieser Frage nicht ermöglicht.