17. Jahrgang Nr. 10 / 30. Oktober 2017 | 10. Heshvan 5778

Zwei Städte – eine Gemeinde

Die Jüdische Gemeinde im Lande Bremen bietet Juden aus Bremen und Bremerhaven ein Zuhause

Von Lina Brunnée

Wer am 1. Oktober an dem Gebäude Schwachhauser Heerstraße 117 in Bremen vorbeiging, hörte Musik, die nach außen drang. Aus gutem Anlass: In dem Haus, das die jüdische Gemeinde beherbergt, bereitete man sich auf Sukkot vor. Es wurde am Schmuck für die Sukka gearbeitet, Früchte wurden mit Garn umwickelt und in der Laubhütte aufgehängt. Da kam bei den Gemeindemitgliedern Feststimmung bereits vor Festbeginn auf.
Genaugenommen handelt es sich um die Jüdische Gemeinde im Lande Bremen. Zu ihrem Einzugsgebiet gehört nämlich auch das 53 Kilometer entfernte Bremerhaven. Die Gemeinde hat rund 900 Mitglieder. Ihr Rabbiner Netanel Teitelbaum ist zugleich Landesrabbiner des Landes Bremen. Gemeindevorsitzende ist Elvira Noa. „In den vergangenen Jahren haben wir innerhalb der Gemeinde viel erreicht“, sagt sie. Jüdisches Leben sei in der Gemeinde viel selbstverständlicher geworden und die Menschen seien sehr offenherzig. Die Gemeinde sei eine wichtige Stütze jüdischen Lebens. Als das jüdische Gemeindehaus in Bremen vor sechs Jahren sein 50-jähriges Bestehen feierte, erinnert sich Elvira Noa, habe der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, zu ihr gesagt: „Hier ist eine Oase der Beständigkeit.“ „Das war für uns ein großes Kompliment“, sagt die Gemeindevorsitzende.
„Die Mitglieder aus Bremerhaven sind regelmäßig bei Festen in Bremen und unser Rabbiner ist auch regelmäßig in Bremerhaven“, erklärt Noa. Ungefähr zweimal die Woche, präzisiert Rabbiner Teitelbaum. So sind beide Standorte eng im Austausch. In Bremen steht die Arbeit mit jungen Familien stark im Mittelpunkt des Gemeindelebens. „In die kommenden Generationen müssen wir investieren – und zwar mit allen Mitteln, viel Herz und Kraft“, sagt der Gemeinderabbiner. Deshalb plane die Gemeinde, ihre Tätigkeit im Bereich der Erziehung auszubauen. Wenn möglich solle es in Zukunft auch eine eigene Grundschule geben.
Bislang betreibt die Gemeinde in Bremen einen Kindergarten und einen Hort. Aber auch alle anderen Altersstufen finden in der Gemeinde ihren Platz: Es gibt einen Studenten- und einen Familienverband, einen Seniorenklub und ein Elternheim. Noa und Teitelbaum sind auch stolz darauf, dass es in Bremen eine anerkannte Mikwe gebe, etwas, was in norddeutschen Gemeinden nicht oft vorkomme. Wenn er die Gemeinde definieren müsste, so Teitelbaum, dann mit den folgenden Worten: „Wir sind sehr mit der Tradition verbunden. Wer bewusst Jude sein möchte, kann das hier tun.“ Das Ziel der Gemeinde sei es, alle unter einem Dach beherbergen zu können.
Dass das möglich ist, zeigten anschaulich die Vorbereitungen auf Sukkot. Hier konnten alle zusammenarbeiten. Alt und Jung bastelten und malten bunte Bilder, Mädchen im Teenageralter sangen zur Musik, Girlanden wurden von vielen Händen gebunden. Auch der 23-jährige Dennis bastelte mit: „Ich bin der Gemeinde sehr dankbar“, erklärte er. Dennis arbeitet im Kindergarten der Gemeinde und absolviert dort seinen Bundesfreiwilligendienst. Viel Zeit zum Reden hatte er an diesem Tag allerdings nicht. Schließlich galt es, die Sukka für das Fest so auszurichten, dass sich alle an ihr erfreuen würden.
Die jüdische Gemeinde in Bremen wurde 1803 gegründet, doch wurde den jüdischen Stadtbewohnern nur 16 Jahre später das Aufenthaltsrecht entzogen. Erst ab 1849 durften sich Juden wieder in der Stadt niederlassen. Einige Jahre später wurde eine Synagoge eingeweiht, 1863 erhielt die Gemeinde Körperschaftsrechte. Vor der Machtübernahme durch die Nazis zählte die Israelitische Gemeinde, wie sie damals hieß, rund 1300 Mitglieder. Rund 900 von ihnen konnten sich in den da­rauffolgenden Jahren durch Flucht aus dem „Dritten Reich“ retten. Diejenigen, denen dies nicht gelang, wurden ab Herbst 1941 in Ghettos und Lager in Osteuropa deportiert. Die Wiedergründung der Gemeinde erfolgte recht schnell nach Kriegsende im August 1945. Im November vergangenen Jahres weihte die Gemeinde ein Mahnmal für Holocaust-Opfer und Kämpfer gegen die Gewaltherrschaft im Zweiten Weltkrieg ein.