17. Jahrgang Nr. 10 / 30. Oktober 2017 | 10. Heshvan 5778

Ein Jahrhundert

1917 wurde die „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden“ gegründet

Von Heinz-Peter Katlewski

In jüdischen Gemeinden ist sie wohlbekannt: die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Für Kinder und Jugendliche veranstaltet sie Machanot und bildet dafür Madrichim aus. Sie führt sowohl Fortbildungen zur jüdischen Küche durch als auch solche für Leiter von Seniorenklubs, Mitarbeiter im Bundesfreiwilligendienst, Erzieherinnen, Menschen, die Kranke besuchen oder solche mit Behinderungen fördern. Außerdem gibt es Tagungen zum Antisemitismus und zu aktuellen Rechtsvorschriften für die Sozialarbeit. Kernelement des ZWST-Jahreszyklus sind die Jugendkongresse, an denen regelmäßig Hunderte von jungen Leuten teilnehmen.
Im vergangenen Monat feierte die jüdische Wohlfahrtsorganisation mit einem Festakt im Frankfurter Gemeindezentrum ihr hundertjähriges Jubiläum. Neben den Mitgliedern des Präsidiums des Zentralrats der Juden in Deutschland konnte ZWST-Präsident – und Vizepräsident des Zentralrats – Abraham Lehrer auch hochrangige Vertreter der bundesweiten Wohlfahrtsverbände begrüßen. Zu den Ehrengästen gehörten zahlreiche Politiker, etwa der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann, der scheidende Bundestagsabgeordnete Volker Beck und Dr. Katarina Barley, die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Viele von ihnen kamen nicht zuletzt, um Benjamin (Beni) Bloch, seit 1987 Direktor der ZWST, zu ehren. Zusammen mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat Bloch die Organisation kontinuierlich ausgebaut. Abraham Lehrer dankte ihm persönlich: Bloch sei der wichtigste Garant für den Erfolg der ZWST.
Die ZWST hat nicht nur eine reichhaltige eigene Tradition, sondern ist auch in der langen Geschichte jüdischer Sozialarbeit verankert, auf die Ministerin Barley in ihrem Grußwort hinwies. Der Begriff „Zedaka“, das Leitbild jüdischer Sozialarbeit, lasse sich nicht einfach übersetzen, erläuterte Rabbiner Pinchas Goldschmidt, Vorsitzender der Europäischen Rabbinerkonferenz, in seiner Festansprache. „Zedaka“ bedeute nicht nur Wohltätigkeit, sondern zugleich Gerechtigkeit. Sie solle Menschen, die in Not seien, helfen, damit sie wieder auf eigene Beine kämen, sodass sie mit Selbstachtung und Selbstständigkeit durchs Leben gehen könnten. Mehrfach werde sowohl in der Tora als auch in den rabbinischen Schriften die Pflicht hervorgehoben, Bedürftigen zu helfen.
Die jüdischen Gemeinden in der Diaspora hatten von jeher nicht nur Armen- und Krankenfürsorge betrieben, sondern auch eigene Darlehenskassen unterhalten. Die Schaffung einer zen­tralen Wohlfahrtsorganisation war vielen auf diesem Gebiet tätigen Vereinen und Stiftungen dann aber doch zu zentralistisch; sie befürchteten, bevormundet zu werden. Gegen diese Widerstände kämpfte eine engagierte Frau an, an deren Verdienste Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, erinnerte: Bertha Pappenheim, die die Modernisierung der jüdischen Sozialarbeit voranbrachte und den Gründungsimpuls für die ZWST lieferte. Die langjährige Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes hatte am 22. Dezember 1916 mit einem leidenschaftlichen Appell in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ die ineffektive und realitätsferne Praxis der Sozialarbeit in den Gemeinden kritisiert. Pappenheim forderte, sich aufzuraffen und „prinzipiell und organisatorisch einen neuen festen Zusammenschluss zu sichern.“ Dieser solle, wenn möglich, die Sozialarbeit aller Richtungen des Judentums unter einem Dach vereinigen. An der Gründung der ZWST im darauffolgenden Jahr wirkten schließlich drei Organisationen mit, die bereits mit überregionaler Arbeit vertraut waren: der Deutsch-Israelitische Gemeindebund (DIGB), die deutsche Großloge „Bnai Brith“ und der Jüdische Frauenbund.
Schon in den ersten Jahren traten der ZWST zahlreiche Gemeinden, aber auch andere Institutionen bei. Die ZWST profilierte sich schnell als Dachorganisation für die Qualifikation und Koordination der jüdischen Sozialarbeit, an der sich, wie Bertha Pappenheim gehofft hatte, tatsächlich nahezu alle Strömungen des Judentums beteiligten. In den frühen 20er-Jahren, während der großen Wirtschaftskrise, verteilte die ZWST neben Spenden des amerikanischen JOINT auch staatliche Beihilfen. Doch erst die 1923 verabschiedete Sozialgesetzgebung verschaffte der Sozialarbeit und damit auch jüdischen Bedürftigen gesicherte staatliche Unterstützung.
In den folgenden Jahren wurden die Strukturen der jüdischen Sozialarbeit immer professioneller: Fachliche Arbeitsgemeinschaften bildeten sich, Landes- und Provinzialverbände der jüdischen Wohlfahrt wurden gegründet, und die Zentrale der ZWST wurde ausgebaut. Nach wenigen Jahren wurde die Organisation sowohl von den unterschiedlichen Gemeinden als auch von den staatlichen Behörden als Vertretung der jüdischen Wohlfahrtspflege anerkannt. Gemeinsam mit anderen großen Wohlfahrtsverbänden wie der katholischen Caritas, der evangelischen Inneren Mission und dem Roten Kreuz gründete sie 1924 den ersten Zusammenschluss der Wohlfahrtsverbände, die „Liga der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege“.
1927 wählte die ZWST-Mitgliederversammlung Rabbiner Dr. Leo Baeck, den Vorsitzenden des Allgemeinen Rabbiner-Verbandes, zu ihrem Vorsitzenden. 1928 organisierte sie den ersten internationalen jüdischen Wohlfahrtskongress in Frankfurt. 1932 koordinierte sie ein ausgebautes Netz an Sozialeinrichtungen, darunter allein 58 Altersheime, 36 Kinder- und Jugendheime, 28 Erholungsheime, außerdem Sanatorien, Krankenhäuser, Obdachlosenasyle. Große Bedeutung hatte diese Sozialarbeit nicht zuletzt für die staatenlosen, geflüchteten oder als Arbeiter angeworbenen Juden aus Osteuropa. Deren arbeits- und sozialrechtliche Position in Deutschland war prekär. Zuweilen konnten sie ihren Unterhalt nur mit ärmlichen Jobs oder als Bettler und Hausierer verdienen.
Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten verschlechterten sich die Umstände für die jüdische Gemeinschaft und ihre Wohlfahrtsarbeit dramatisch. Der Boykott jüdischer Geschäfte, den die Nazis landesweit am 1. April 1933 ausriefen, führte sechs Wochen später dazu, dass sich mithilfe der ZWST ein „Zentralausschuss für Hilfe und Aufbau“ bildete, der in Not geratene Juden zu unterstützen suchte. Am 17. September 1933 erwuchs daraus die „Reichsvertretung der deutschen Juden“, wieder geführt von Leo Baeck. Ab 1935 unterstützte und organisierte die ZWST vor allem die Auswanderung von Juden aus dem „Dritten Reich“.
Unter den braunen Machthabern stiegen die Herausforderungen in allen Bereichen der jüdischen Sozialfürsorge ins Unermessliche. Zwar erhielten bedürftige Juden noch bis 1938 grundsätzlich die gleiche Sozialunterstützung aus öffentlichen Mitteln, wie sie Nichtjuden gewährt wurde. Da aber immer mehr Juden aus ihren Berufen heraus- und in die Arbeitslosigkeit gedrängt wurden, stieg die Zahl jüdischer Bedürftiger überproportional. Die fortwährend geschwächte jüdische Gemeinschaft war mehr und mehr auf sich selbst angewiesen. Zum Beispiel wurde die ZWST ab Herbst 1935 nicht mehr an den Einnahmen aus Spenden und Abgaben für das „Winterhilfswerk des deutschen Volkes“ beteiligt. Deshalb wurde im Oktober die „Jüdische Winterhilfe“ gegründet, die armen und verarmten Juden mit Kleidung, Lebensmitteln, Brennmaterial und warmen Mahlzeiten half. Finanziert wurde sie aus monatlichen Kultussteuerzuschlägen, Geldsammlungen und allerlei Sachspenden.
Ab Januar 1939 wurden alle staatlichen Unterstützungen für Juden drastisch zusammengestrichen. Im Juli 1939 wurden auf Geheiß der Nazi-Behörden die jüdischen Organisationen zwangsweise in der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ zusammengeführt, die fortan dem Reichssicherheitshauptamt der SS unterstellt war. Die Arbeit der ZWST wurde in der „Abteilung Fürsorge“ zusammengefasst. 1943 wurde die Reichsvereinigung aufgelöst; alle Mitarbeiter wurden deportiert.
So bedeutete jüdische Sozialarbeit im Nachkriegsdeutschland einen Neuanfang. In der Bundesrepublik wurde sie Anfang der Fünfzigerjahre wiederaufgenommen, zunächst aber nicht mit der Absicht, hier wieder ein dauerhaftes Gemeindeleben aufzubauen. Das war auch die vorherrschende Stimmung, als der im Jahr zuvor gegründete Zentralrat der Juden in Deutschland am 20. August 1951 in Hamburg die „Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland“ wiedergründete. In der DDR gab es jüdische Sozialarbeit in institutionalisierter Form so gut wie gar nicht.
Die Zuständigkeit der ZWST beschränkte sich anfänglich auf die Bundesländer Bremen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hamburg sowie West-Berlin. Die Arbeit dehnte sich auf die ganze Bundesrepublik erst dann aus, als das JOINT 1955 die Betreuung der DP-Camps in der einstigen amerikanischen Besatzungszone einstellte. 1956 zog die ZWST-Zentrale nach Frankfurt. Bereits im Jahr zuvor war sie wieder in den Kreis der Wohlfahrtsorganisationen aufgenommen worden, in die „Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW)“.
1953 wurde ein Sozialreferat eingerichtet, und Mitte der Fünfzigerjahre nahm ein Jugendreferat seine Arbeit auf. Die Sechziger- und Siebzigerjahre waren der Konsolidierung der ZWST und der Verstetigung der Arbeit gewidmet.
Max Willner (1906–1994), ein ausgewiesener Verwaltungsfachmann, führte die Organisation ab 1959 zwei Jahrzehnte lang. Er war überzeugt, dass die jüdische Gemeinde in Deutschland eine Zukunft habe. Damals kamen Flüchtlinge aus Osteuropa, ab Ende der Siebzigerjahre auch aus dem Iran, in die Bundesrepublik. In den großen Stadtgemeinden entstanden Jugendzentren, geführt von Gruppenleitern, die die ZWST ausgebildet hatte. In diesen Jahren wurden aber auch ehrenamtliche Leiter für Seniorenklubs der Gemeinden qualifiziert.
Eine große Bewährungsprobe in der jüngeren Geschichte war die Zeit der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Damals erreichte die ZWST ihre heutige Größe mit bundesweit über 100 Vollzeit- und Teilzeitmitarbeitern.
Es sei noch einiges zu tun, nach außen wie nach innen, hob ZWST-Vizedirektor Aron Schuster im Gespräch mit der „Zukunft“ hervor: ZWST und Zentralrat müssten sich im Gespräch mit der Politik weiter darum bemühen, der drohenden Altersarmut unter den älteren neuen Gemeindemitgliedern entgegenzuwirken. Außerdem wolle die ZWST auch mit der eigenen Bildungsarbeit verstärkt gegen den wieder aufflammenden Antisemitismus vorgehen. Nach innen müsse die ZWST sich mit ihrem Angebot auf den demografischen Wandel und die weiter steigende Zahl älterer Menschen einstellen, gleichzeitig aber durch innovative Projekte im Gespräch mit den jungen Menschen bleiben, die die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland sichern sollten.