17. Jahrgang Nr. 10 / 30. Oktober 2017 | 10. Heshvan 5778

Recht auf Identität

Die Akzeptanz des anderen ist eine Grundlage freier Gesellschaften

Der 31. Oktober wird in der evangelischen Tradition als Reformationstag begangen, der Tag also, an dem Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg 1517 anschlug. Dies gilt als Beginn der Reformation. In diesem Jahr – ein halbes Jahrtausend später – wurde der Reformationstag in allen deutschen Bundesländern als Feiertag bestimmt.
Dass die Reformation weitreichende Folgen hatte und die Geschichte nicht nur in Deutschland stark mitprägte, ist bekannt. Als Juden denken wir, versteht sich, auch an Luthers verhängnisvolles Verhältnis zum Judentum. Wohl hatte der Reformator sieben Jahre nach dem Beginn seiner religiösen Revolution noch eine Art Verständnis für Juden bekundet und der Kirche vorgeworfen, sie habe „mit den Jüden gehandelt, als wären es Hunde und nicht Menschen“.
Eine Akzeptanz des Judentums durch Luther ging damit allerdings nicht einher. Seine Forderung lautete nicht etwa, den Juden ihren Glauben zu lassen, sondern lediglich, die Bekehrungspraxis zu „verbessern“. Und da die Juden trotz Luthers Lehren am Glauben ihrer Väter festhielten, ging Luther später zu offenem Antisemitismus über, forderte brutale Verfolgung der Juden und argumentierte so „überzeugend“, dass sich vier Jahrhunderte später auch die Nazis mit seinen Thesen identifizieren konnten.
Die heutige evangelische Kirche hat sich diese Hinterlassenschaft Luthers bekanntlich nicht zu eigen gemacht, sondern hat sich mit ihr tiefgreifend auseinandergesetzt. Zudem spielt die Kirche eine wichtige Rolle im Kampf gegen den Antisemitismus. Indessen hat der Weg Luthers von einem Scheinverständnis für die Juden bis zu Forderungen wie Enteignung, Vertreibung und Verbot der Religionsausübung Relevanz für den Umgang mit „dem anderen“ schlechthin. Luthers anfängliche „Milde“ war in Wirklichkeit Teil seiner Weigerung, den Juden ein Recht auf ihre eigene Identität einzuräumen.
Diese Eskalationsleiter – vermeintlich gutes Zureden, Wut und schließlich Gewalt – hat Luther aber nicht erfunden. Schon lange vor ihm war der Kampf gegen Andersartigkeit mit verbaler wie physischer Gewalt Teil menschlicher Existenz – und blieb es leider auch in der modernen, sich aufgeklärt wähnenden Zeit. Das sollte nicht vergessen werden. Dabei ging es nicht nur um religiöse, sondern auch um nationale, sprachliche oder kulturelle Identität und um andere Formen des menschlichen Selbstausdrucks.
Zu unserem Glück haben diejenigen von uns, die heute das Privileg des Lebens in demokratischen Gesellschaften genießen, einen in seiner Bedeutung nicht hoch genug einzuschätzenden Schutzschild gegen solche bedrohliche Unduldsamkeit: einen freiheitlichen Rechtsstaat. In Deutschland sind die Grundsätze eines Zusammenlebens, das den Einzelnen ebenso wie die Allgemeinheit vor Exzessen der Intoleranz schützt, in dem Rechte und Pflichten sorgfältig abwägenden Grundgesetz verankert. Deswegen ist auch der Einzelne aufgerufen, diesen freien, demokratischen Staat, in dem wir leben, zu schützen.
Nun wird man Ideologie und Politik wohl niemals voneinander trennen können. Auch wird es nicht ausbleiben, dass menschenverachtende Ideologie, möge sie mit noch so hehren Motiven geschmückt werden, immer wieder in der menschlichen Gesellschaft auftaucht. Solche Ideologie muss als ein Aspekt des Bösen erkannt und bekämpft werden. Von der Notwendigkeit, mit dem Bösen zu ringen, erfahren wir übrigens bereits in den ersten Kapiteln der Tora. Da warnt Gott Kain: „An deiner Tür wird die Sünde lauern und nach dir gieren.“ Doch es gibt auch eine Lösung: „Du aber beherrsche sie.“ Sich an diese Mahnung zu erinnern, ist an jedem Tag erforderlich.

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